Harald Martenstein Über Bodyfarmen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 19/2018

Wenn Sie mich vor ein paar Wochen gefragt hätten, was eine Bodyfarm ist, dann hätte ich geantwortet: Da lassen sich wohlhabende Leute in ländlicher Umgebung den Body aufhübschen. Womöglich hat es auch was mit Ayurveda zu tun.

Jetzt habe ich gelesen, dass eine Bodyfarm ein Ort ist, wo Leute verwesen. Sie liegen dort in großer Zahl tot auf dem Boden, manchmal auch in Wannen voller Wasser, alle sechs Stunden wird ein Foto gemacht. Auf jedem Foto sehen sie naturgemäß ein wenig derangierter aus als auf dem vorhergehenden. Ich wette, für diese Fotos gibt es einen Schwarzmarkt bei den Fans von Splatterfilmen. Hin und wieder nimmt auch jemand eine Geruchsprobe. All dies geschieht im Namen der Wissenschaft, vor allem, damit man bei Mordopfern den Todeszeitpunkt besser bestimmen kann. Aber es scheint in den USA auch ein neuer Deadstyle-Trend zu sein, denn es gibt reichlich Körperspender, und die Zahl der Bodyfarmen steigt. Auf Wikipedia heißt es noch, es seien vier, in der Süddeutschen war kürzlich schon von sechs Farmen die Rede. Zwei Fernsehserien wurden bereits auf einer Bodyfarm gedreht – man kann also ins Fernsehen kommen, wenn keiner mehr mit dieser Karriere gerechnet hat. Einmal im Jahr gibt es eine Clean-up-Party, ein geselliges Beisammensein, bei dem die Wissenschaftler Leichen wegräumen, die nicht mehr gebraucht werden. Als Partymusik käme Tom Waits infrage.

Sie finden interessante Sachen heraus. Zum Beispiel haben sie einen Hirsch dabei beobachtet, wie er mit gutem Appetit an menschlichen Knochen nagte. Hirsche sind gar keine Vegetarier, die tarnen sich nur. Natürlich gibt es auch Genderforschung. Sie erforschen, ob Frauen oder Männer schneller verwesen. Womöglich wird man eine weitere Ungerechtigkeit herausfinden, den Body-Gap.

Was aber passiert, wenn man in Mississippi drei Tonnen toter Schweine im Wald vergräbt? Spontan würde ich sagen, da kommen jede Menge Maden, Schmeißfliegen und Geier. Nach einer Weile herrscht im Wald wieder Ruhe, und danach wachsen die Bäume besser. So weit die Prognose eines Laien. Marcus Lashley hat dieses wissenschaftliche Experiment veranstaltet. Und? Genau dies geschah. Nach einem Jahr war der Boden noch ziemlich schwammig, später entwickelte sich an dieser Stelle eine reiche Artenvielfalt. Natürlich ist es irgendwie unbefriedigend, wenn die Wissenschaft Sachen herausfindet, die man eh weiß. Als Nächstes könnte man erforschen, was passiert, wenn man Hirsche im Wald dazu zwingt, Jägermeister zu trinken. Ich vermute, den Hirschen wird schlecht, sie torkeln röhrend herum und meiden fürderhin diesen Wald. Aber ich will der Forschung nicht vorgreifen.

In Deutschland sind Bodyfarmen nicht erlaubt. Es gibt allerdings Fans, zum Beispiel "die Lara", die im Netz über ihren Wunsch nach einer solchen Bestattung schreibt: "Ich finde den Gedanken wirklich schön. Mein Mann sagt, ich sei verrückt." Es gibt Farmen, wo man sich sogar wünschen darf, wie man gelagert wird, etwa in einer Lederschlinge hängend, ein echter Hingucker.

Letzteren Hinweis verdanke ich dem Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke, der üppig tätowiert ist und sich "Herr der Maden" nennt. Benecke gehört der Religionsgemeinschaft der Dudeisten an, die sich an der Lebenseinstellung der Filmfigur des Dude aus The Big Lebowski orientieren. Sein Vortrag Bodyfarm in Fulda, 25. Mai, 26 Euro, viele Fotos, ist bereits ausverkauft. Besucher können "tolle Fanartikel" erwerben. Ich schreibe dies, um zum besseren Verständnis der Spezies Mensch beizutragen. Sie ist facettenreich.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Ist dieses "verwesentliche" Thema nicht schon längst literarisch aufgearbeitet?! Samuel Beckett, Fin de partie, vs. Simon Beckett, Whispers of the Deads. Nun gut, dann noch mal: Ol' Mac Harald had a farm, E-I-E-I-O. And at his farm he means no harm, E-I-E-I-O. And the deads make bloob, and the deads make boo. Here a boo, there a bloob, everywhere a rotting boob.