Herzogin Kate: Über die Deutung der Kleiderwahl

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 19/2018

Herzogin Kate hat gerade ihr drittes Kind bekommen, und da es Teil ihres Jobs ist, das Baby und sich circa fünf Minuten später den Fotografen zu zeigen, wissen wir, dass sie da ein rotes Kleid mit Spitzenkragen trug, und wir wissen außerdem, dass das vielleicht eine Hommage an Prinzessin Diana war, die, als sie fast 34 Jahre zuvor ihren zweiten Sohn Harry der Presse zeigte, ebenfalls etwas Rotes anhatte. Nun handelte es sich bei Dianas Outfit zwar um ein Mantelkleid, das sie mit einer weißen Bluse kombinierte, aber das ist erst mal egal, denn was wir jetzt brauchen, ist ein Narrativ, nachzulesen etwa bei InStyle: "Was für eine schöne Geste! Eine subtile Art, das Andenken an Lady Di zu wahren." Für ordinäre Sachen wie "Das blaue Kleid hatte einen Fleck, das gelbe sah plötzlich so gelb aus!" ist an so einem Prinzengeburtstag selbstverständlich kein Platz, das wäre langweilig, und langweilig, das sind ja schon wir, die Alltagsmenschen. Was allerdings nicht bedeutet, dass die Interpretation der Kleidung unter Alltagsmenschen nicht ebenfalls stattfände.

Herr X zum Beispiel ist alleinstehend und eher verschlossen. Außerdem trägt er immer mal wieder diese Krawatte mit den Golfschlägern darauf. Seine Kollegin Frau Y (ebenfalls alleinstehend und eher verschlossen) teilt sich mit X das Büro und versucht nun, die Gesetzmäßigkeiten des Krawattetragens zu ergründen. Sie ist zu dem Ergebnis gekommen, dass X die Krawatte auch immer dann trägt, wenn am Tag zuvor der Weimarer "Tatort" mit Nora Tschirner gelaufen ist. Y findet, sie habe Ähnlichkeit mit Nora Tschirner, und mutmaßt, X fühle sich durch die Schauspielerin an sie erinnert und mache sich danach schick für sie, die Quasi-Tschirner. Y glaubt der Lösung ihres Lebensproblems, dem Alleinsein, ziemlich dicht auf den Fersen zu sein und ist im Flirtmodus. In einer Frauenzeitschrift liest sie, dass die Farbe Rot für Attraktivität steht. Y trägt also ab sofort Rot und fühlt sich schön wie nie. Was sie nicht weiß, ist, dass X farbenblind ist und dass er die Golfschlägerkrawatte immer nur dann trägt, wenn er nach der Arbeit seine Mutter trifft, die ihm die Krawatte geschenkt hat. Aber irgendwie werden X und Y ein Paar. Sie sprechen nie über die Bedeutung der Golfschlägerkrawatte, und X beschwert sich auch nie darüber, dass er von Y zu jedem Jahrestag ein ähnliches Exemplar davon geschenkt bekommt. Denn es gibt nichts Schöneres, als mit Y den "Tatort" zu gucken. Die Bedeutung der Interpretation von Kleidern kann also, wie unser Beispiel gezeigt hat, nicht überschätzt werden, egal ob sie zutrifft oder nicht.

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