Marga Glanz: "Die Achtziger haben hier einfach total Spaß gemacht"

Die Plattenladenbesitzerin Marga Glanz sollte nach dem Willen ihrer Mutter Arzthelferin werden und am besten gleich den Doktor heiraten. Dann verließ sie ihr Dorf. Protokoll:
Aus der Serie: Das war meine Rettung

"Hamburg hat mir meine Existenz geschenkt. Die Stadt hat mich gerettet, weil es nur in Hamburg einen Stadtteil wie St. Pauli gibt. Ursprünglich stamme ich aus einem Dorf in Niedersachsen. Ich bin in einer Familie groß geworden mit vielen Kindern, wenig Platz und wenig Geld. Wir wohnten zu acht auf 50 Quadratmetern, meine Mutter und ihre Eltern waren Flüchtlinge aus Ostpreußen und in dem Dorf nicht gern gesehen. Mein Vater hat auf Montage gearbeitet, meine Mutter war die meiste Zeit allein mit uns Kindern. Sie war unglücklich mit ihrem Leben, hat sechs Kinder gekriegt, und ich glaube, sie wollte kein einziges davon. In meiner Familie wurde nicht geredet, sondern eher zugeschlagen. Meine Eltern waren überfordert. Der größte Traum meiner Mutter war, dass ich Arzthelferin werde und der Doktor mich heiratet. Ich bin mit 17 von zu Hause ausgezogen, ohne Plan.

In Bremen habe ich mich zur Arzthelferin ausbilden lassen, Anfang der Achtziger bin ich aber nach Hamburg gezogen und habe als Kellnerin gearbeitet. Ich fand Hamburg viel aufregender.

Die Achtziger haben hier einfach total Spaß gemacht. Wir waren viel auf Konzerten, in der Markthalle, in der Fabrik ... Wir waren solidarisch mit den Hausbesetzern in der Hafenstraße, haben dem illegalen Hafenstraßen-Radiosender auf unserem Dachboden Unterschlupf geboten. Damals hatte die Post Wagen, die mit einem Peilsender durch die Straßen St. Paulis fuhren, um den Ort, von dem aus gesendet wurde, ausfindig zu machen. Das hört sich heute an, als würde Oma vom Krieg erzählen.

Über meinen Mitbewohner und späteren Lebensgefährten lernte ich die Leute von Hamburgs bekanntestem Plattenladen Zardoz Records kennen, wo ich einige Jahre arbeitete. 2005 übernahm ich Groove City auf St. Pauli und besaß erstmals einen eigenen Laden. Wir verkaufen Hip-Hop, Jazz, Soul, afrikanische, türkische Musik – nur Sachen, die wir wirklich gut finden. Einen Plattenladen zu führen ist nicht einfach. Finanziell sind wir immer an der Kante. Wir leben und arbeiten hier auf St. Pauli aber in einem linken, solidarischen Umfeld. Wenn es wirklich eng würde, würde ich bei Freunden und Bekannten nach Geld fragen.

In Hamburg haben wir zudem das Glück, dass wir noch relativ viele Plattenläden auf kleinem Raum haben. Wir begreifen uns als Kollegen, nicht als Konkurrenten. Groove City ist nicht allein.

Auch persönlich habe ich in Hamburg eine Gemeinschaft gefunden, Leute, die ähnlich denken wie ich. An Ostern fahre ich seit ein paar Jahren mit vielen Freunden an die Ostsee: Familien mit Kindern, Paare, getrennt Lebende und einige, die weder Partner noch Kinder haben. Wir verstehen uns, wir mögen uns. Das ist eine Ebene, die ich in meiner Familie nie hatte."

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