Overalls Mach mal wieder blau

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 19/2018

In den vergangenen Jahren hat sich der Overall in der Damenmode etabliert, jetzt ist er auch bei den Männern angekommen. Wir sehen Overalls in Dunkelblau bei Louis Vuitton, in Zementgrau bei Lanvin, in Nachtblau bei Prada und in Denim bei Hugo Boss. Nach der Sportswear kommt nun also die Workwear auf den Laufsteg. Das ist bemerkenswert. Denn die Geschichte des Overalls ist eine, die ihn modisch unverdächtig macht.

Overalls wurden traditionell dort getragen, wo es schmutzig zuging. Sie dienten Bauarbeitern, Bauern, Soldaten, Mechanikern und Tankwarten als Schutzanzug. Eigentlich gar nicht als Outfit gemeint, wurden sie übergezogen, um wertvollere Kleidung vor Verschmutzungen zu bewahren. Später ersetzte er die darunter getragene Kleidung, und es entstanden spezifische Overalls für unterschiedliche Berufe: Weiß stand für Maler und Stuckateure, Nadelstreifen für die Eisenbahner. Farmer und andere Arbeiter trugen Blau und Braun. Der Einteiler war günstig und dementsprechend Symbol für die hart arbeitende Bevölkerung. Man konnte ihn in gewisser Weise als Werkzeug verstehen.

Nun nimmt die Männermode traditionell selten Bezug auf Berufe – schon gar nicht, wenn es um schmutzige, anstrengende und schlecht bezahlte Berufe geht. Das Hemd mit weißem Kragen dient als Beweis, dass der Herr eben nichts Schweißtreibendes zu tun hat, sondern stets reinlich ist und keine schmutzige Haut hat. Der Anzug steht in der Tradition des Bürgertums: Wer einen Anzug trägt, der führt Geschäfte, bei denen er stattlich aussehen muss und sein Gegenüber nicht durch ein allzu ausgefallenes Äußeres kompromittiert. Der Overall aber hatte bislang nur eine einzige Berechtigung: im Zusammenhang mit einem Auto, unter dem man liegt, eine tropfende Ölkanne in der Hand. Oder mit einer Lokomotive, deren Kessel es zu befeuern gilt. Außerhalb dieser Settings war der Overall so unpassend wie ein Bademantel.

Nun leben wir aber in Zeiten, in denen man durchaus auch in einem Bademantel öffentlich auftreten kann, warum also nicht im Overall. Vielleicht wollen Männer darin ja den Eindruck erwecken, sie seien direkt von der Arbeit gekommen und hätten sich nur eben kurz die Hände abgewischt. Wollen betonen, dass sie einen richtigen Job haben, einen für ganze Kerle – und keinen für diese Hipster-Weichlinge, die in wohltemperierten Agenturen arbeiten. Das ist schön für den Overall, denn im Berufsleben stirbt er aus. Wer Autos repariert, heißt heute Mechatroniker und wird bei der Arbeit nicht schmutzig.

Foto: Peter Langer / "Ein Teil für alle Gelegenheiten: Overall von Louis Vuitton"

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