Alltag Laufende Ermittlungen (4)

Von
ZEITmagazin Nr. 20/2018

1.

Der Schriftsteller bekam zu Beginn der Lesung seinen Erfolgsroman gereicht wie ein Chefarzt ein Dossier.

2.

Ich hatte ein falsches Passwort eingegeben, und der Bildschirm schüttelte bockig sein Haupt.

3.

Die Frau vor mir an der Handgepäck- Kontrolle schritt über die elektronische Schwelle wie ein Model über den Laufsteg.

4.

Die beiden Passagiere, die einander im Zug gegenübersaßen, klappten ihre Notebooks auf, und die Ränder der Gehäuse berührten sich einen Moment lang wie zwei fremde Handrücken.

5.

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende, inzwischen ein gebrechlicher Mann im Rollstuhl: Noch immer liegt morgens der von seiner Privatsekretärin ausgedruckte Tagesplan auf der Kommode im Hausflur. Doch es sind schon lange keine Verhandlungen, Konferenzen und Geschäftsessen mehr darauf verzeichnet, sondern nur noch Termine bei Ärzten und Physiotherapeuten.

6.

Die Regentropfen auf der Kleidung des verwahrlosten Mannes in der U-Bahn schienen langsamer zu trocknen als die der anderen Fahrgäste.

7.

Die Kioskbesitzerin stand rauchend vor ihrem Laden, und als ein Kunde das Geschäft betrat, legte sie die Zigarette auf einen Vorsprung in der Wand. An der schwarzen Stelle darüber war erkennbar, dass sie das schon seit Jahren so machen musste.

8.

Abends am Flughafen machen die Geschäftsreisenden einen abgekämpfteren Eindruck als die anderen Passagiere. Die weißen Hemden unter den Sakkos, am Morgen noch glatt und strahlend weiß, quellen an den Seiten heraus, und man glaubt schon von Weitem die dunklen Ränder an den Kragen zu erkennen. In die Flugzeugsitze fallen Körper, die weicher und schlaffer sind als auf dem Hinflug, als hätte die stützende Kraft einer Hilfsvorrichtung nachgelassen. Die Haltbarkeit der Figur "Geschäftsmann" beträgt höchstens zehn Stunden.

9.

Wenn sie spricht, wird ihre Stimme von Zeit zu Zeit plötzlich leiser, als hätte jemand einen Lautstärkeregler nach unten gedreht.

10.

Der junge Wissenschaftler stellte in aller Souveränität sein neues Buch vor, doch als sein früherer Professor bei der nachfolgenden Diskussion eine Frage an ihn richtete, wirkte er sofort wieder wie ein nervöser Student.

11.

Er sagte ständig "zwanzig achtzehn". Ich spürte Verachtung, wusste aber nicht genau, warum.

12.

Das allgemeine Einziehen der Füße, wenn jemand durch den schmalen Zwischengang des Flugzeugs geht.

13.

Morgens um vier ging hinter einem Fenster des stockdunklen Wohnhauses gegenüber ein Licht an, und in mir formte sich plötzlich das Wort: Leuchtturm.

14.

Kurz bevor die Autos zusammenstießen, war eine Hupe zu hören gewesen, und im Nachhinein klang sie wie ein Aufschrei vor dem Schmerz, wie ein Instinktlaut und nicht wie ein reaktionsschnell ausgelöstes Signal.

15.

Gesten der bangen Erwartung: Der Fußballer, der sich nach einem Zusammenprall in der Luft an den Kopf fasst und kontrolliert, ob seine Handfläche blutig ist. Der Spaziergänger im Park, der in der Abenddämmerung über eine Wiese geht und anschließend seine Schuhsohlen auf Spuren von Hundekot untersucht.

Notizen aus dem Alltag

Von Andreas Bernard

16.

In der Ecke der Dönerbude lief der Fernseher, ein türkisches Programm. Es war Sonntagabend, kurz nach halb neun, und die Sendung war trotz der unverständlichen Sätze und Schriftzüge sofort als Castingshow zu identifizieren, als eine türkische Variante von Deutschland sucht den Superstar. Alles folgte den bekannten Mustern: die aufgeregte Miene der Kandidatin nach dem Ende ihres Songs; die Juroren, besetzt nach festen Typen (der Unerbittliche, die Mitfühlende, die Schrille); die beiden gut aussehenden, etwas ungelenken Moderatoren. Es standen noch drei Kandidaten zur Wahl, die finale Abstimmung wurde in der gewohnten Weise in die Länge gezogen, und für den Betrachter ergab sich eine eigentümliche Szene: Das Mädchen, das gerade ein Whitney-Houston-Lied gesungen hatte, erwartete zitternd das Votum der Jury – und dennoch wirkte die spannungsgeladene Atmosphäre vollends wie programmiert. Nicht nur die Dekoration im Studio entsprach haargenau dem bekannten Vorbild, sondern auch die Verlaufskurve der Emotionen. Was die jungen Kandidaten zweifellos als ureigene, singuläre Erfahrung empfanden (die Entscheidung, ob ihr Lebenstraum einer Sängerkarriere in Erfüllung gehen würde), erschien dem Zuschauer aus dem fremden Land, mit dem Universalformat des Castings seit Langem vertraut, wie die Arbeit einer routinierten Maschine.

17.

Die Frau sah aus, als müsste sie ein Schoßhündchen besitzen.

18.

Ich wusste nicht, durch welche Kleinstadt der Zug gerade fuhr, und suchte nach einem Autokennzeichen auf den Straßen.

19.

Vergessene Gerüche: der erkaltete Zigarettenrauch in einer Telefonzelle.

20.

Er hatte seine Schäfchen ins Trockene gebracht, so lange schon, dass sie zu verdorren begannen.

21.

Ich trat ein paar Schritte zurück, um der jungen Verkäuferin, die das Geschenk einpackte, die Nervosität zu nehmen.

22.

Am Strand saß ein Paar mit seinem Kleinkind, und minutenlang konnte man nicht sagen, woher die Familie kam, weil sich die drei ausschließlich in Babysprache miteinander verständigten.

23.

Das leichte Erschrecken, wenn in nationalsozialistischen Dokumenten, die von Zukunftsprognosen handeln, eine Jahreszahl nach 1945 auftaucht. In einem Bericht über die Ermordung von Psychiatriepatienten etwa berechnet ein Statistiker im vorletzten Kriegsjahr, dass "der Erfolg der Aktion" eine Einsparung von "einer Milliarde Reichsmark bis 1951" bedeuten würde. Als würde sich die Jahreszahl für einen Augenblick verdunkeln, als wäre ihre neutrale Gestalt plötzlich kontaminiert.

24.

Dem grippekranken Kind, das morgens an der Hand seines Vaters zum Arzt ging, kamen immer wieder Klassenkameraden entgegen, die auf dem Weg zur Schule waren. Jedes Mal, wenn ein bekanntes Gesicht mit dem Schulranzen auf dem Rücken vorbeilief, blieb das Kind kurz stehen und drehte sich um: Der Tag hatte die falsche Richtung!

25.

Spätabends saß ein einzelner Mann in dem Ladenbüro, sein riesiger Apple-Monitor die einzige Lichtquelle, und plötzlich war ich mir sicher, dass dieses Bild in hundert Jahren einmal genauso stellvertretend für die Sphäre der "Arbeit" stehen würde wie heute die Schwarz-Weiß-Aufnahme eines schmutzigen Bergmanns vor dem Förderkorb seiner Grube.

26.

Nachmittags lungerten einige Pizzaboten vor dem italienischen Schnellimbiss herum. Es gab gerade keine Arbeit für sie, und in der Gestalt der Kuriere, die für ihre möglichst schnellen Transportdienste bezahlt wurden, wirkte das Nichtstun noch passiver, auf beinahe demonstrative Weise lasch.

27.

Diese Geschichte spielte zu einer Zeit, als die Menschen ihre Handys beim Telefonieren noch ans Ohr hielten.

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