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Asma al-Assad Ein Leben für den Diktator

Sie ist in London geboren, ihre Eltern stammen aus Syrien. Sie hätte als Bankerin Karriere machen können, doch dann heiratete sie Baschar al-Assad. Viele Syrer verbanden mit der westlich geprägten Frau des Machthabers große Hoffnungen. Ihren Mann unterstützt sie auch weiterhin während des Bürgerkriegs. Wer ist Asma al-Assad? Von
ZEITmagazin Nr. 20/2018

Auf dem Instagram-Account des syrischen Präsidentenpalastes zeigt ein Video, wie Asma al-Assad in Zeitlupe über einen roten Teppich schreitet. Sie läuft einen Flur im Präsidentenpalast von Damaskus entlang, ihr schwarzes Kleid sitzt perfekt an ihrem schlanken Körper. Auch die Frauen neben ihr tragen Schwarz, es sind Witwen. Tränen laufen über ihre Wangen. Sie haben ihre Ehemänner im Krieg verloren. Dann spricht die First Lady zu ihnen: "Den größten Schmerz verursacht die Verschwörung gegen unser Land, die eure Ehemänner das Leben gekostet hat." Noch immer in Zeitlupe legt Asma al-Assad ihren Arm um die Schulter einer der Trauernden. Schnitt. Jetzt steht sie in einem Saal und hält eine Ansprache, die so zusammengefasst werden kann: "Wir sind umgeben von Terroristen und müssen uns verteidigen."

Am 15. Februar 2011 sprühten 15 Jugendliche in der südsyrischen Stadt Daraa Graffiti auf eine Wand: "Nieder mit dir, Assad!", stand da unter anderem. Inspiriert von den Massenprotesten in Tunesien und Ägypten, wollten die Schüler so für Menschenwürde in einer jahrzehntealten Diktatur demonstrieren. Die Teenager, die meisten von ihnen noch keine 16, wurden wenige Tage später von der syrischen Geheimpolizei verhaftet, verhört und gefoltert. Zunächst gingen Eltern nur in Daraa auf die Straße, später füllten sich die Großstädte mit wütenden Syrern, die endlich in Freiheit leben wollten. Das Regime antwortete mit Gewalt, aus der friedlichen Protestbewegung erwuchs bewaffneter Widerstand. In den folgenden Jahren ist das Land zu einem Schlachtfeld geworden, auf dem fast 200 nationale und ausländische Kriegsparteien in vier Allianzen kämpfen. Mit Abstand die meisten Toten hat das Assad-Regime zu verantworten. Unabhängige Beobachter glauben, dass von den etwa 500.000 Opfern des Krieges etwa 90 Prozent vom Assad-Regime getötet wurden – ermordet in den Gefängnissen, zerfetzt von Fassbomben, ausgehungert unter Belagerungen.

Im Zentrum des Regimes steht auch die Ehefrau des Diktators, Asma al-Assad. Auf Instagram hat sie knapp 200.000 meist syrische Follower, die Asmas "Wahrheit" von der Verschwörung gegen Assad mit Herzchen unterstützen – 70.000 gab es für den Film mit den Witwen, er wurde unzählige Male kopiert und geteilt.

Asma al-Assad ist 42 Jahre alt, seit 18 Jahren ist sie mit Baschar al-Assad verheiratet. Er führt das Land in zweiter Generation, ist oberster Befehlshaber der Armee und Vorsitzender der Einheitspartei – und einer der größten Kriegsverbrecher der Gegenwart. Asma al-Assad ist in London aufgewachsen. Sie ging auf die besten britischen Schulen und hatte eine vielversprechende Bankkarriere vor sich. Sie müsste eigentlich erkennen, was in Syrien geschieht. Stattdessen stützt sie weiterhin dieses mörderische Regime. Wer ist diese Frau, und was treibt sie an? Um diese Frage zu klären, muss man in einige europäische Hauptstädte reisen.

London

Das Elternhaus von Asma al-Assad liegt in Acton, einem Mittelklasseviertel in Westlondon. Ihre Eltern wohnen immer noch hier. Die Rollläden sind heruntergelassen, vor der Tür stapeln sich alte Zeitungen. Auf der Fassade sind rote Farbreste zu sehen. Syrische Oppositionelle haben, so heißt es, das Haus vor zwei Jahren mit Farbbomben beschmissen. Auf dem Bürgersteig vor dem Haus verteilten sie Zettel. "Die Fassbomben deines Schwiegersohns sind auch schlimm!", stand darauf. Seit diesem Zwischenfall weiß man, wann die Eltern von Asma, der Kardiologe Fawas al-Akhras und die ehemalige Chefsekretärin der syrischen Botschaft in London, Sahar Otri, zu Hause sind: Dann patrouillieren Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes vor dem Haus.

An diesem Tag im August 2017 ist das Haus verlassen. Ein Nachbarhund markiert sein Revier am Gartenzaun. Einer, der Auskunft geben kann über die Kindheit, die Asma hier verbrachte, ist der ehemalige BBC-Journalist Malik al-Abdeh, der als Kind im Haus gegenüber wohnte. Er ist in diesem Sommer nicht in London, er ist in seinem Büro im türkischen Gaziantep telefonisch erreichbar. Als Kind spielte er mit Asma und ihrem jüngeren Bruder auf der Straße Fußball. Heute ist er ihr Gegenspieler: Al-Abdeh pendelt seit mehreren Jahren zwischen Acton und der Südtürkei. Dort unterstützt er als Koordinator eines Mediennetzwerks oppositionelle Journalisten aus Syrien, die Videos und Bilder aus dem Kriegsgebiet schmuggeln. "Asma tut mir ehrlich gesagt leid", sagt er am Telefon. "Ich habe sie als nettes, gut erzogenes Mädchen in Erinnerung." Doch aus politischer Sicht, ergänzt er schnell, sei ihre Unterstützung des Regimes natürlich unakzeptabel.

Er glaubt, dass seine Kindheitsfreundin, die er zuletzt als Schulabsolventin gesehen hat, lediglich eine Mitläuferin sei. Sie könne sich einfach nicht durchringen, "den Teufel" zu verlassen.

In der Schule war sie Klassenbeste, später studierte sie an der renommierten London School of Economics. Als Bankerin war sie klug und ehrgeizig. Auch Baschar al-Assad lebte in den neunziger Jahren in London, er ließ sich zum Augenarzt ausbilden. Es heißt, sie hätten sich bei einer Party kennengelernt.

In Acton wohnen viele wohlhabende syrische Familien, die vor Jahrzehnten nach Großbritannien ausgewandert sind. Vermutlich hat fast jede von ihnen in den vergangenen sieben Jahren Angehörige im Krieg verloren. Wenn man sie in der Nähe des Hauses der Familie Al-Akhras auf der Straße anspricht, verfluchen sie Baschar, wünschen Asma den Tod. Dann gehen sie weiter einkaufen oder bringen ihre Kinder zur Schule. Viele von ihnen haben sich entschieden, den Kontakt zu den Schwiegereltern des Diktators abzubrechen, obwohl viele sie seit Jahrzehnten kennen.

Asmas Vater Fawas al-Akhras, heute 69, zog 1973 nach London, wo er seine spätere Frau kennenlernte. Der Sohn einer wohlhabenden sunnitischen Familie aus Homs hatte in Syrien Medizin studiert und wollte sich eine neue Existenz im Zentrum der alten Imperialmacht aufbauen. Und als 1975 seine Tochter Asma geboren wurde, war klar, dass sie den sozialen Aufstieg vollenden sollte. Nach der Grundschule schickten ihre Eltern sie auf die elitäre anglikanische Mädchenschule Queen’s College. Dort, so steht es in einer Broschüre, lernt seit 1848 die weibliche Elite Großbritanniens, "Verantwortung zu übernehmen". Fawas al-Akhras, so erinnern sich die Syrer von Acton, brachte seine Tochter immer auf dem Weg zur Arbeit im Auto zur Schule – die Klinik, in der er bis heute arbeitet, liegt nur einen Block entfernt.

Für die Lehrer und Mitschülerinnen am Queen’s College hieß das Mädchen bald nicht mehr Asma. Sie habe eine Phase gehabt, in der sie nur auf den Namen Emma reagierte, erzählen eine Lehrerin und ehemalige Freundinnen. Sie wollte Britin sein, sich assimilieren. Arabisch sprach sie sowieso nicht – ihre Schulkarriere war darauf fokussiert, Jahr für Jahr Klassenbeste zu werden, was ihr später einen Studienplatz an der renommierten London School of Economics einbringen sollte, in Informatik. Alles sah danach aus, als würde ihr Leben eine von vielen migrantischen Erfolgsgeschichten in Großbritannien werden.

Ab Mitte der neunziger Jahre arbeitete Asma al-Assad als Finanzanalystin in der City of London – zunächst für die Deutsche Bank, danach für J.P. Morgan. Im Bankenviertel gibt es kaum jemanden, der über sie sprechen will, immerhin steht sie heute an der Spitze eines mörderischen Regimes, das mit internationalen Sanktionen belegt ist. Sie sei zudem nur ein "kleiner Fisch" gewesen, wie ein ehemaliger Kollege es formuliert. Auch er möchte nicht namentlich erwähnt werden. "Ich will nicht, dass ich bei Google neben ihr auftauche", lautet seine Erklärung. Sie sei eine fleißige, kluge und ehrgeizige Bankerin gewesen. Es sei für alle ein Rätsel gewesen, warum sie 1999 ihre Karriere, die sie in die Chefetage einer Bank oder einer internationalen Finanzbehörde hätte führen können, für das Leben an der Seite eines Diktators aufgab.

Auch Baschar al-Assad, der Sohn des damals seit 30 Jahren amtierenden syrischen Präsidenten Hafis al-Assad, lebte in den neunziger Jahren in London. Am Western Eye Hospital ließ er sich zum Augenarzt ausbilden. Asma soll ihn bei einer Party kennengelernt haben. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, erzählen die beiden gerne in Interviews. Baschar stand da längst als nächster Präsident fest. Nach dem tödlichen Autounfall seines älteren Bruders Basil 1994 wurde er auf seine Aufgaben als Nachfolger des Diktators vorbereitet. Asma wusste also, worauf sie sich einließ, als sie Baschar im Jahr 2000 das Jawort gab, intensiv Arabisch und vor allem den syrischen Dialekt lernte und in den Jahren darauf drei Kinder gebar.

Lord Green of Deddington tastet sich langsam eine Wendeltreppe hinunter. Stufe um Stufe nähert sich der 76-Jährige mit den leuchtend weißen Haaren seinem täglichen Nachmittagstee. Im Kellercafé der Kirche von St Martin-in-the-Fields sei dieser besonders günstig, das Personal freundlich, die Atmosphäre sei gemütlich, schrieb er, als er in einer E-Mail den Treffpunkt vorschlug. "Mein Lieblingsplatz am Trafalgar Square", sagt er jetzt, als er sich unten angekommen in einen Plastikstuhl fallen lässt.

Sir Andrew Green mag körperlich nicht ganz fit sein. Politisch ist er auf der Höhe seiner Karriere. Als Mitglied des britischen Oberhauses betrieb er jahrelang Lobbyarbeit für den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union. Schon 2002 gründete er die Denkfabrik Migration Watch, die hartnäckig behauptet, dass Großbritannien von Ausländern übervölkert – "overpopulated" – werde. "Europa ist auf dem Irrweg. Gut, dass wir da nicht mehr mitmachen", resümiert der Lord sein politisches Erbe. Endlich könne er dieses Kapitel seines Lebens erfolgreich abschließen.

Neben dem Brexit pflegt Lord Green aber noch eine zweite politische Leidenschaft: den Nahen Osten. In den neunziger Jahren arbeitete er als Botschafter, zunächst in Damaskus, später in der saudischen Hauptstadt Riad. Seitdem pflegt er enge Kontakte zu den Herrscherfamilien. "Wir Briten wissen genau, dass die Araber eine harte Hand brauchen, eine stabile Regierung" – während er diesen Satz ausspricht, kippt er Milch aus drei Plastikdöschen in seinen Afternoon-Tea. Mit "harter Hand" und "stabiler Regierung" meint er im Falle Syriens die Familie Assad.

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