Harald Martenstein Über Hundekrankheiten

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 20/2018

Wir Kolumnenschreibenden wissen, dass es in der Unterhaltungsliteratur vier Themen gibt, die immer gut gehen und als besonders erfolgversprechend gelten, sie heißen Sex, Kinder, Nazis und Tiere. Es gibt allerdings auch drei Themen, bei denen garantiert Hassmails kommen. Sie heißen Gender, späte Vaterschaft und Tiere, bei Letzterem vor allem Hunde. Da draußen gibt es eine Szene von Hundehasser-Ultras, die sogenannten Canophoben, die allein schon bei der Erwähnung des Wortes "Hund" Schaum vorm Mund kriegen. Ich hatte immer Haustiere, schon mit sechs, unter anderem eine divenhafte Blindschleiche, Molche und Wasserschildkröten, die wegen ihres unermüdlich übel riechendes Zeug produzierenden Verdauungsapparats bei Eltern zu Recht gefürchtet sind. Parallel dazu hatte ich immer von regelmäßigen Massensterben heimgesuchte Aquarien. Stellen Sie sich vor dem Aquarium einfach ein kleines, dickes, bebrilltes Kind vor, Enkel eines Tierarztes, Abonnent der Zeitschrift Das Tier. Mein Winnetou hieß Bernhard Grzimek. Ein Tier gehört zu mir wie mein Name an der Tür.

Hunde ähneln oft ihren Besitzern, das ist kein Mythos. Unser Hund trägt einen Bart, hat lange Haare, ist meistens lieb und ruhig und beim Futter nicht wählerisch, aber er kann auch launisch und regelrecht bösartig werden, wenn er sich provoziert fühlt. Außerdem leidet der Hund unter Schlafstörungen, von mir hat er das nicht. Immer wenn ich einem hyperaktiven Kläffer begegne, ahne ich, wie es bei Frauchen und Herrchen zu Hause zugeht. Nun geschah es, dass bei meiner Frau ein sogenannter Grützbeutel entstand, eine Art schnell wachsendes Gewächs. Über Details möchte ich nicht sprechen. Dieses Ding wurde operativ entfernt. Einige Wochen später zeigte sich auch im Fell des Hundes an genau der gleichen Stelle eine Delle, die schnell an Volumen gewann. Eine Operation war unvermeidlich. Davon, dass Hunde auch die gleichen Krankheiten kriegen wie ihre Besitzer, wusste ich nichts.

Bald darauf schien der Hund noch eigensinniger zu werden. Er verstand immer ein paar wenige Kommandos, entweder befolgte er sie, oder er schaute provozierend und gähnte. Aber das ist vorbei. Als er sogar auf "Fressi" und "Gassi" nicht mehr reagierte, wusste ich, dass er meinem Club, den tauben Nüssen, beigetreten ist. Als Nächstes wurde er schweratmiger, er röchelte und versuchte, längere Spaziergänge abzukürzen. Ich ging zur Tierärztin und bekam eine Überweisung zum Herzspezialisten. Es gibt Fachärzte für Tiere, sogar Hautärzte. Kleintierurologe muss ein fordernder Job sein, vor allem wenn Schildkröten im Wartezimmer sitzen.

Es war eine Art Poliklinik mit etlichen Fachärzten, mehreren gattungsspezifischen Wartezimmern und einer Empfangsdame, alles relativ schick. Der Kardiologe rasierte die Brust des Hundes und machte einen Ultraschall, meine Ausdrucksweise ist vielleicht etwas amateurhaft, sorry. Er zeigte mir das Herz des Hundes und sagte, dass der Hund eine altersbedingt deformierte Herzklappe habe. Er braucht Herztropfen, dann lebt er wohl noch ein paar Jahre. Der Kardiologe sagte, dass es ein ähnliches Medikament für Menschen gibt, und nannte den Namen, es war das gleiche Medikament, das ich regelmäßig nehme. Ich sagte, dass der Hund dann sicher auch wegen des schwachen Herzens neuerdings inkontinent ist, er muss ständig und schafft es nicht immer rechtzeitig auf die Straße. "Nein", sagte der Kardiologe, "das dürfte eine andere Ursache haben." Wir müssen zum Urologen. Vor der Diagnose habe ich ein wenig Angst.

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