Harald Martenstein Über die schönsten Münchnerinnen

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Aus der Serie: Martenstein

Ich bin durchaus offen für Neues. Zum Beispiel habe ich zweimal Jobs in Städten angenommen, die ich überhaupt nicht kannte. 1982 zog ich nach Stuttgart, obwohl ich noch nie im Leben in Stuttgart gewesen war, das Bewerbungsgespräch fand in Freiburg statt. Als ich 1995 aus Berlin nach München ging, bestand meine Münchenkompetenz aus den schon etwas nebelhaften Erinnerungen an eine Klassenfahrt zum Deutschen Museum, da muss ich zwölf gewesen sein.

Ich wurde Leiter des Feuilletons und war eine Fehlbesetzung, denn das Feuilleton der Abendzeitung war extrem münchnerisch aufgestellt. Der Chefredakteur eröffnete die Redaktionskonferenz fast immer mit den Worten: "Willkommen bei der schönsten Zeitung der Welt." Das habe ich wochenlang irrtümlicherweise für Satire gehalten. Man war total lieb zueinander und schrieb total lieb, was in einer Berliner Zeitung fast schon ein Kündigungsgrund gewesen wäre. Sobald aber eine Person den Raum verließ, wurde über diese Person gelästert. In Berlin lästerte man auch in Anwesenheit der Betroffenen. Nur, wenn dieser Mensch garantiert außer Hörweite war, sagte man vielleicht auch mal was Nettes über ihn.

Die Zeitung veranstaltete auch eine eigene Misswahl, "Die schöne Münchnerin". Das kam mir ein bisschen altmodisch vor. Außerdem gab es einen Kulturpreis, "Sterne des Jahres", und einen Wettbewerb um den schönsten Biergarten und bestimmt noch andere Preise, die ich vergessen habe. Die Abendzeitung ließ einen pausenlosen Preis- und Jubelregen über ihre Stadt niedergehen. Und das alles scheint es immer noch zu geben. Von allen Zeitungen, für die ich arbeiten durfte, hat sich die Abendzeitung wohl am wenigsten verändert, trotz etlicher ökonomischer Krisen und Besitzerwechsel. Im letzten Jahr hat "Rotschopf Jeannie", die schöne Münchnerin, als Preis einen Opel Adam gewonnen, für die Zweite gab es ein 6.000-Euro-Brillantcollier und für die Dritte ein Vintage-Dirndl. Die Sponsoren, einige Herren jenseits der Lebensmitte, dürfen dann in der Zeitung ein Gruppenfoto besichtigen, auf dem sie gemeinsam mit schönen Münchnerinnen zu sehen sind und angemessen stolz in die Kamera blicken.

Zurzeit läuft der neue Wettbewerb, im Netz kann man sich die schönen Münchnerinnen anschauen. Es gibt bei schönen Münchnerinnen zwei Denkschulen, die einen vertrauen auf die Überzeugungskraft ihres lasziven Blicks, die anderen setzen auf die Magnetwirkung leichter Kleidung. Eine trägt Jeans, allerdings aufgeknöpft. Bei der Recherche bin ich aber auf etwas Neues gestoßen, einen neuen Männertrend: Männer fotografieren ihre Bärte von unten. "Was", fragen die Kollegen, "macht der moderne Mann von heute, wenn ihm langweilig ist?" Er fotografiert seinen Bart von unten und malt sich ein Gesicht auf den Hals, sodass der Bart auf dem Foto wie eine Kopfbehaarung aussieht. Da sehe ich Potenzial für einen neuen Wettbewerb, der schönste Münchner Bart von unten.

Sie lieben ihre Traditionen, sie sind selbstbewusst, aber auch offen für Neues, etwa, Bärte auch mal von unten zu fotografieren – mein Gott, warum denn auch nicht? So ist München, heute sehe ich das positiver als damals. Immerhin war "Die schöne Münchnerin" Vorbote erfolgreicher Castingshows wie Germany’s next Topmodel . Es gibt auch einen Traditionsverein Die schöne Münchnerin, mit eigener Standarte, der schöne Seniorinnen und schöne Säuglinge in seinen Reihen hat. Vereinsabende beginnen mit einem Gottesdienst sowie der Segnung schöner Kerzen in St. Peter.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Trösten Sie sich, lieber Kolumnist - wenn ich mich recht erinnere, meinten zur selben Zeit meine Münchner Verwandten unisono, die schönen Münchnerinnen seien allesamt Zug'roaste (naja, sie selbst stammten aus dem Fränkischen) - und die echten Exemplare daselbst könnte man nur als "greisliche Krampfhennen" (FJS selig) apostrophieren. Auf meinen zaghaften Einwand hin, da gäbe es doch noch die Obermaier (Uschi) und die Mittermayr (Michaela May), gebürtig aus ... und ehe ich Minga sagen konnte, kamen schon die Repliken: Die Uschi habe sich doch spätestens seit dem Langhans in eine saupreißische Kosmo-Kommunardin verpuppt ("diesen Kuss dem ganzen Rock") - und die Gertraud habe schließlich ihren urbairischen Namen aufgegeben und als Miss Euro-Cheque posiert. Ja, und die "Münchner Geschichten"?! Alles erfunden - die wahren Gastwirtstöchterlein namens Susi sähen der Mutter Ruth Drexel ähnlich ... und die wäre doch nun wirklich a Besen. Aber mit "Krampfhenne" hat doch der FJS die Hamm-Brücher verunglimpft ... Hildegard, sagen Sie jetzt nichts! Wenn dieser Metzgermeistersohn aus der Schellingstraße eine in Berlin aufgewachsene Linksliberale so tituliert, dann wäre das in Wirklichkeit Abscheu des Altphilologen mit Einser-Abitur am Maximilianeum gegenüber den frauenfeindlichen Naturwissenschaften (ha, promovierte Chemikerin, Hefemutterlaugen). Und Frau "Sibylle"?! ...
Tödlicher Rückpass auf den Kolumnisten ... erzählen Sie doch mal in aller Ruhe von Frau von Unruh!