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Katrin Sass "Ich wusste nicht, ob das Herz hinten oder vorne rauskommt"

Katrin Sass dachte, sie habe kein Alkoholproblem – bis sie sich selbst einen harten Entzug verordnete. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 20/2018

ZEITmagazin: Frau Sass, Sie feiern jedes Jahr zwei Geburtstage: Wie hat man das zu verstehen?

Katrin Sass: Im Juli 1998 habe ich aufgehört zu trinken. Das war eine zweite Geburt.

ZEITmagazin: Warum haben Sie öffentlich gemacht, dass Sie alkoholkrank waren?

Sass: Ich war 2001 bei Thomas Koschwitz in der Sendung, und in der Werbepause sagte er, er würde gern auf meinen Rausschmiss als Kommissarin beim Polizeiruf 110 und den Alkohol zu sprechen kommen. Ich sagte, fragen Sie mich bitte, wenn die Kamera läuft, dann werde ich schon irgendwie reagieren. Obwohl mein Agent gesagt hatte: Auf keinen Fall ein Outing, sonst wirst du keine Arbeit mehr finden. Aber dann hat sich mein Inneres entschieden zu reden.

ZEITmagazin: Sind Sie ein impulsiver Mensch?

Sass: Das passiert mir einfach, danach denke ich, das Leben wäre leichter, wenn ich meinen Mund gehalten hätte. Manche denken ja, ich hätte Kontrollverlust.

ZEITmagazin: Was glauben Sie?

Sass: Vielleicht soll ich ab und an die Kontrolle verlieren, um das Korsett, in dem manche stecken, ein bisschen aufzubrechen. In der DDR durfte das nicht passieren. Aus der Enge wollte ich immer raus.

ZEITmagazin: Und Ihr Outing war offensichtlich nicht das Ende ...

Sass: Erst dachte ich, das war’s. Aber mein Agent bekam dann etliche Anrufe: Toll, was die Sass da gemacht hat.

ZEITmagazin: Warum haben Sie getrunken?

Sass: Ich habe da was weggetrunken. Das fing harmlos an, mit 19. Ich war an der Schauspielschule in Rostock und voller Angst vor Russisch, Politischer Ökonomie, Marxismus-Leninismus. Abends sind die Jungs und ich in die Bierbar neben unserem Wohnheim. Erst habe ich immer Cola getrunken – bis einer sagte: Das heißt hier Bierbar. Da hab ich das erste getrunken und dann das zweite und merkte – oh! Ich bin in einer anderen Welt: Wie leicht ich mich fühle! Wie selbstbewusst! Erst war es aus Freude. Am Theater in Halle hatte ich mal so einen Kopf, da half kein Aspirin mehr, da kam ein Kollege und sagte: "Du musst einen Schluck Bier trinken. Du bist zwar wieder im Dschumm, aber du kannst Bäume ausreißen." Dann kam die grausame körperliche Abhängigkeit, wo du immer den Pegel halten musst.

ZEITmagazin: Wann dachten Sie zum ersten Mal: "Ich muss aufhören!"?

Sass: Gar nicht. Harald Juhnke war Trinker, nicht ich. Ich kann jederzeit aufhören, wenn ich auf den Mond muss oder so, aber hier auf Erden ... Das hab ich bis in die Klinik gesagt.

ZEITmagazin: Warum haben Sie doch aufgehört?

Sass: Ich hatte keinen Job mehr. Ich wusste nicht, wie ich mein Haus abbezahlen sollte. Mein Mann war weg. Eine Freundin kam nachts vorbei, um zu sehen, ob ich noch lebe. Sie war die Einzige, die sich noch um mich gekümmert hat. Was hat eine Psychologin mal gesagt: Jeder Griff zur Flasche ist ein Schrei nach Liebe. In dieser Situation kam ein Angebot für drei Drehtage. Und ich dachte: Das ist die Rettung! Da hab ich schlagartig aufgehört. Aber weil das Zittern schon anfing, fuhr ich in die Wohnung meiner Mutter, nach Schwerin. Dort bin ich wenigstens nicht allein, dachte ich.

ZEITmagazin: Warum sind Sie nicht zum Arzt?

Sass: Ich wusste gar nicht, dass das ein kalter Entzug ist, an dem man sterben kann. In der Wohnung meiner Mutter ging’s dann los: Brechreiz, Zittern, ich wusste nicht, ob das Herz hinten oder vorne rauskommt. In dem Moment kam meine Schwester zur Tür rein. Wie siehst du denn aus? Ich: Siegfried hat mich verlassen! – Wieso denn? – Weil ich gestern getrunken habe! Die wussten ja nicht, dass ich jeden Tag trank. Der Schweiß lief mir in Bächen runter. Dann kam der epileptische Anfall, knapp an der Heizung vorbei. Im Krankenhaus bin ich wieder aufgewacht, und das Erste, was ich von der Schwester hörte, war: Dass man als Frau so viel trinken kann! Da war ich grad dem Tod von der Schippe gesprungen. Ein Arzt nannte den Krampfanfall komischerweise ein Zwiegespräch mit Gott. Weil man die Hände wie im Gebet verkrampft, die Augen nach oben rollt.

ZEITmagazin: Das war’s mit dem Alkohol?

Sass: Ich dachte, wenn du diese Chance vergibst, ist Feierabend. Dann kam das Angebot für den Film Heidi M. – für den ich den Deutschen Filmpreis bekam, an ebendem Tag, an dem ich bei Koschwitz über meine Sucht sprach. Und nicht viel später kam Good Bye, Lenin!.

ZEITmagazin: Der Film über eine Frau, die aus dem Koma erwacht und nicht weiß, dass die DDR Geschichte ist, ein internationaler Erfolg ...

Sass: Da dachte ich, Gott, das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Ich habe Leute neben mir verrecken sehen an dieser Krankheit. Und bei mir passiert das.

Das Gespräch führte Christine Meffert. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Khuê Pham zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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