Kreuzkette Es ist schon ein Kreuz

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 20/2018

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die Mode gesellschaftliche Trends vorwegnimmt, bitte schön: Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder lässt nun in allen Behörden der Staatsverwaltung Kreuze anbringen. Die Mode hingegen trägt schon längst Kreuz. Bei Prada, Jacquemus, Versace und Dolce & Gabbana sind auffällige Kreuzketten in den Sommerkollektionen zu sehen. Und so soll es auch weitergehen: Dolce & Gabbana etwa hat die gesamte Herbst/Winter-Kollektion im klerikalen Geist entworfen. Nebst allerlei Kreuzen sind dort Rückgriffe auf päpstliche Roben und Bischofsmützen zu sehen. Ab Mai widmet das Metropolitan Museum of Art in New York dem Thema eine ganze Ausstellung: Heavenly Bodies – Fashion and the Catholic Imagination.

Das lateinische Kreuz, auch Passionskreuz genannt, ist das häufigste Kreuz in den westlichen Kirchen. Es symbolisiert zum einen den Opfertod Jesu Christi, zum anderen die Verbundenheit des Menschen mit der Erde und den Mitmenschen (waagerechte Achse des Kreuzes) sowie mit dem Göttlichen (senkrechte Achse des Kreuzes). Man kann das Kreuz als das erfolgreichste Branding in der Menschheitsgeschichte bezeichnen. Schon die frühen Christen behängten sich mit Kreuzketten, obgleich Amulette im Christentum eigentlich nicht besonders erwünscht sind. Einem Gegenstand eine Schutzwirkung zuzusprechen gilt als Aberglaube.

Eine Kreuzkette zu tragen war einst ein Zeichen der Frömmigkeit. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts baumelten die Kreuze auf einmal auch an den Hälsen solcher Leute, die nicht noch die andere Wange hinhalten, wenn sie geschlagen werden, sondern im Gegenteil gerne als Erste die Faust ballen: Rapper wie 2Pac und 50 Cent zeigten sich mit auffälligem Kreuzschmuck, oft mit Diamantbesatz. Für sie galt dies wohl nicht als Bekenntnis zu christlichen Werten, sie demonstrierten damit lediglich, dass sie sich unter Gottes besonderem Schutz wähnten. Als Symbol solchen Selbstbewusstseins machte das Kreuz auch als Tattoo Karriere. Auf der Brust von Justin Bieber prangt ein Kreuz, genau wie im Nacken von David Beckham.

Es ist schwer einzuschätzen, ob die Kreuze bei Prada, Versace und Co. als Zeichen der Christianisierung der Mode interpretiert werden können – oder eher als Signal dafür, dass das Christentum nun modisch wird. Papst Franziskus hat sich jedenfalls dagegen ausgesprochen, das Kreuz als "trendiges Accessoire" anzusehen und zu benutzen. Der bayerische Ministerpräsident muss selbst entscheiden, ob er sich davon angesprochen fühlt.

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Das Kreuz hat in Bayern wohl einen ganz anderen Status als im Rest der Republik. Dort verbinden sich die Menschen mit diesem Kreuz, meist mit der Jesusfigur daran. Es hängt überall in den Bergen, vorm Bauernhaus, im Stall, überall, wo man hinschaut. Und ich finde es gut. Es hat etwas Heilsames, Friedliches. Wer immer an einem Kreuz vorbei kommt, bekreuzigt sich und spricht ein kurzes Gebet. Es verbindet die Menschen in Bayern. Es hat etwas Wohltuendes.
Klar, dass es gegen die Kopftücher wieder aufgehängt wurde.
Ich finde daran wirklich nichts Schlechtes.