© Peter Kaaden

Maysoun Berkdar Ein Leben gegen den Diktator

Von Berlin aus bringt die Syrerin Maysoun Berkdar das Regime in ihrer Heimat gegen sich auf, indem sie regimekritische Videos ins Netz stellt. Ihr Bruder kam in Damaskus unter ungeklärten Umständen ums Leben, sie selbst wird mit dem Tod bedroht. Warum macht sie trotzdem weiter? Von
ZEITmagazin Nr. 20/2018

Maysoun Berkdar, die heute täglich Todesdrohungen erhält, war 15 Jahre alt, als sie merkte, dass sie ihren Mund nicht halten kann. Es war 1981, ihr Vater fuhr mit ihr in seinem Fiat durch Damaskus, als sie an einer Kreuzung von Männern in ziviler Kleidung aus dem Verkehr gewinkt wurden. Einer fragte: Wo wart ihr? Wo fahrt ihr hin? Wen trefft ihr dort? Und warum? Ihr Vater begann vor Angst zu zittern, obwohl er nichts zu verbergen hatte, und händigte eilfertig seine Papiere aus. In dem Mädchen Maysoun, das auf dem Beifahrersitz saß, wuchs die Wut. Wie konnte es sein, dass sie mit ihrem Vater nicht einfach durch die Stadt fahren durfte? Sie nahm ihren Mut zusammen und fragte den Mann: "Was geht dich das an, wohin wir fahren?"

Der Vater kniff der Tochter in die Seite, entschuldigte sich für sie, sie sei eben ein Teenager, da seien die Kinder manchmal schwierig. Der Mann sagte, er habe das Recht, im Namen des Präsidenten alle alles zu fragen, jederzeit. Der Vater hörte gar nicht mehr auf, sich zu entschuldigen. Irgendwann durften sie weiterfahren. Im Auto schrie der Vater die Tochter an. Es kam ihr endlos vor. Ob ihr nicht klar sei, was das Regime ihr antun könne, schrie der Vater immer wieder.

Es wurde nicht besser. Je älter sie wurde, desto öfter hinterfragte Maysoun Berkdar die Assad-Diktatur. Sie war eine Oppositionelle ohne jede politische Organisation. Sie war in keiner Gruppe, las keine verbotene Zeitung, hörte keine verbotenen Radiosender. Sie sagte nur ab und zu laut, was sie dachte, in einem Wartezimmer im Krankenhaus oder im Sammeltaxi. Oft zischten die Menschen, die es hörten, sie solle bloß still sein.

Maysoun ist die einzige Tochter ihrer Eltern, sie ist ein Jahr jünger als ihr Bruder Masen. Die Mutter war blind und gehbehindert, es war an Maysoun, sie zu pflegen. Die Mutter starb, als Maysoun 16 war. Seither führte sie den Haushalt, versorgte Vater und Bruder. Der Vater fand, dass es gut wäre, wenn sie wegginge aus Syrien, um nicht in die Fänge des Geheimdienstes zu geraten. Als sie 25 war, reifte der vage Plan, Syrien zu verlassen, zu einem Entschluss. Im Frühjahr 1993 entdeckte ein Cousin, der in Bayern lebte, in einer deutschen Regionalzeitung eine Heiratsanzeige: Deutscher, zum Islam übergetretener Mann sucht nette Syrerin für gemeinsames Leben in Berlin. Maysoun willigte ein, den Mann zu treffen. Der reiste nach Damaskus, stellte sich ihr und ihrem Vater vor, danach ging alles sehr schnell: Sie heirateten, obwohl sie nicht verliebt war, und drei Monate später saß sie in einem Flugzeug, das sie nach Berlin brachte, um dort ein neues Leben zu beginnen. Ihr Land werde ihr nicht fehlen, glaubte sie. Aber sie vermisste ihren Vater und, vor allem, ihren großen Bruder.

Gefühle für ihren Ehemann entwickelte sie auch in Berlin nicht. Sie trennten sich schon wenige Monate später. Maysoun Berkdar heiratete wieder. Ließ sich wieder scheiden, heiratete ein drittes Mal, bekam von diesem Ehemann ein Kind, ließ sich wieder scheiden. Sie lebte von Sozialhilfe und Kindergeld.

Ab und zu ging sie in ein Kreuzberger Internetcafé, lauschte auf der Chat-Plattform Paltalk oppositionellen Syrern aus Kairo, Paris oder New York, die von einem freien Syrien träumten. Es waren allesamt Männer, die dort diskutierten. Sie hörte zu, sagte selbst aber kein Wort. Sie nannte sich "Wissam66". 1966 ist ihr Geburtsjahr, Wissam bedeutet so viel wie "die Würdige". Nach Syrien zu telefonieren war damals teuer, länger als fünf Minuten redete sie nie mit dem Bruder oder dem Vater in Damaskus.

Im Juni 2000 saß sie gerade im Internetcafé, als sie die Meldung vom Tod des syrischen Diktators Hafis al-Assad las. Auf der Stelle loggte sie sich im Audio-Chat ein. Diesmal wagte sie es zum ersten Mal, selbst etwas zu sagen. Sie sprach ins Mikrofon: "Lang lebe ein freies Syrien!" Im Chatroom war, so erinnert sie sich, daraufhin kurz Ruhe, eine Frauenstimme hatte offenbar niemand erwartet. Nach der Stille aber beglückwünschten sie die Männer. Wie schön es sei, endlich mal eine Frau hier zu hören. Bald schon traf sie die Berliner Teilnehmer des Chats persönlich, diese ernannten sie zu ihrer Administratorin, das machte sie stolz. Sie hatte jetzt eine Stimme. Und zum ersten Mal war sie in einer Gruppe organisiert.

Die Machtübernahme von Hafis’ Sohn, Baschar al-Assad, machte damals vielen Menschen Hoffnung auf einen Wandel in Syrien. Schließlich, so kommentierten auch die meisten deutschen Zeitungen, habe Baschar in London studiert, seine Frau sei Britin. Dieses Ehepaar, schrieben viele Journalisten, wolle die Autokratie des Vaters sicher nicht weiterführen. Maysoun Berkdar blieb skeptisch. Und sie behielt recht.

Im Sommer 2008 besuchte sie ihre Heimat zum bislang letzten Mal. Ihrem Bruder brachte sie damals Schuhe mit, Größe 45, in Syrien nicht zu finden. Zum Dank schenkte er ihr einen Koran: "Für meine liebste Schwester Maysoun", schrieb er ihr hinein.

Diesen letzten Heimatbesuch empfand Maysoun Berkdar als noch bedrückender als alle davor. Die Freunde, die sie traf, und ihr Vater lobten, so kam es ihr vor, aus purer Gewohnheit den Präsidenten in jedem zweiten Satz. Ihr Volk erschien ihr wie gehirngewaschen, dem Diktator vollkommen ergeben. Sie war froh, als sie wieder im Flugzeug nach Berlin saß.

Im März 2011 erreicht der Arabische Frühling auch Syrien. Berkdar loggt sich wieder ein, diesmal bei YouTube, auf der Plattform, die die Revolutionäre nutzen, um Videos von ihren Demonstrationen zu veröffentlichen. Sie nimmt erstmals ein Video auf, die Webcam richtet sie auf die Wand des Internetcafés, sodass sie selbst im Video nicht zu sehen ist, nur ihre Stimme ist zu hören. Ihr Pseudonym hat sie geändert, sie nennt sich nun "Horra Wissam", "die Freie und Würdige". Sie sagt in ihrer Videobotschaft, die eigentlich eine Tonbotschaft ist, dem Regime den Kampf an und preist die Revolution. Dafür bekommt sie noch kaum Klicks.

Deren Zahl steigt erst, als sie wenig später ihr eigenes Videoformat entdeckt, im Sommer 2011. Ein Format, das so vielleicht weltweit einmalig ist, ein wenig verrückt – und manchmal richtig lustig. Die Idee dazu hat sie im Chat mit anderen Oppositionellen. Jemand sagt, man solle die Mitglieder des Assad-Regimes einfach mal anrufen und ihnen die Meinung geigen. Der Gedanke gefällt ihr. Es ist der Anfang ihrer Karriere im Internet. Sie besorgt sich die Handynummern von Mitgliedern des Regimes, von Ministern, von Lokalpolitikern und von Künstlern, die Assad unterstützen. Ihrer Quelle, einem Maulwurf im Herzen des Regimes, verspricht sie Vertraulichkeit.

Maysoun Berkdar, 52, stammt aus Damaskus. 1993 heiratete sie einen Deutschen. So kam sie nach Berlin, wo sie im Internet eine der führenden deutschen Stimmen der syrischen Opposition wurde. © Peter Kaaden

Mit verstellter Stimme ruft sie Assads politische Freunde an, tut so, als sei sie selbst auch eine glühende Anhängerin des Regimes. Manchen Assad-Freunden entlockt sie zynische Aussagen, wonach Zivilisten ruhig sterben sollten. Andere beschimpft sie nach langer Lobhudelei plötzlich, und man kann hören, wie sie regelrecht aufstöhnen vor Entrüstung. Auf manchen Tonaufnahmen singt sie, nachdem die Angerufenen aufgelegt haben, verspottet sie oder preist die Revolution. All diese Anrufe schneidet sie mit und lädt sie mit einem Standbild, das ihren Gesprächspartner zeigt, auf YouTube hoch. Wenn sie das Regime schon nicht stoppen kann, will sie es wenigstens verspotten. Jeder einzelne Anruf fühle sich an, als trinke sie nach langem Durst endlich ein Glas Wasser, sagt sie.

Die ersten dieser Anrufe sind auf YouTube noch kein Hit. Aber die Zahl ihrer Zuschauer wächst kontinuierlich, ein paar Tausend schauen sich das an, in Syrien und außerhalb. Unter dem Video posten die Zuschauer. Viele sind begeistert, loben sie, aber von Anfang an melden sich auch die zu Wort, die sie als Verräterin beschimpfen. Das stört sie nicht. Die Aufmerksamkeit, die sie erhält, tut ihr gut. Sie will Rache. Und sie will mehr davon.

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