München Wenn ich heimkomme

Marie Schmidt arbeitet in Hamburg. Zu Besuch zu Hause in München schaut sie jedes Mal an denselben Orten vorbei. Um zu sehen, ob alles noch da ist, was sie so mag. Von

Schon das Aussteigen aus dem Zug ist wie ein Ritual. Ich mache kurz die Augen zu: Ich wüsste blind, wo ich bin. Die Luft ist weicher als anderswo und riecht nach mehr. Je nach Jahreszeit wie nasse Zweige und Flieder, wie Hefe und Würstchen oder Zuckerwatte und heißer Asphalt. Ah, München! Seit ich in Hamburg arbeite, warte ich, dass die Wirkung dieses ersten Luftholens nachlässt. Sie ist aber immer sofort wieder da.

Ich denke dann jedes Mal darüber nach, ob es anderen Leuten mit ihren Städten auch so geht, dass sie da nur einmal atmen müssen, und plötzlich spüren sie wieder, wer sie sind und warum. Vielleicht macht der scharfe Wind in Hamburg das für eine Hamburgerin, was für mich das samtige Lüftchen Münchens bewirkt, von dem eine Hamburger Freundin, die in München wohnt, behauptet: "Hier ist die Luft halt nie richtig frisch."

Im Bewusstsein, dass also alles relativ ist und vom Auge des Betrachters abhängt, finde ich in München ein paar Dinge einfach absolut genau so, wie sie sein müssen, damit das Leben schön ist. Und die will ich genießen, wenn ich da bin. Deshalb mache ich jedes Mal, wenn ich wiederkomme, ein paar Sachen ganz gezielt.

Von anderen Exil-Münchnern weiß ich, dass sie auch solche Rituale des Heimkommens pflegen. Die sind wie kleine Rundgänge, Kontrolltouren, mal nachschauen, ob alles in Ordnung ist. Denn bei aller charakteristischen Anmutung von Ewigkeit, die wie der Föhn über dieser Stadt liegt und ihre Bürger zufrieden und selbstsicher macht: Es geht hier doch auch furchtbar geschäftig zu. Ständig wird irgendwo eine Großbaustelle aufgerissen, saniert, planiert, gentrifiziert, re- und denaturiert. Gastronomietrends finden immer gleich ein Publikum und verdrängen Gewohntes. Man muss also, wenn das Schicksal es will, dass man hier nicht jeden Tag durch die Straßen gehen kann, scharf Obacht geben, dass das Richtige und Schöne noch da ist, wo es hingehört, wenn man zurückkommt.

Als Erstes gehe ich, sagen wir, ich komme am späten Abend an, auf der Goethestraße südwärts. Die Stadt sieht da noch aus wie andere deutsche Städte: Spielsalons und Läden voll billiger Koffer. Aber die türkischen Geschäfte haben geschlossen, kein Späti nirgends, also doch typisch München. Weiter in die Bar Gabanyi. Ein dämmrig-glanzvoller Ort, an dem mit einem scharfen Drink namens Last Word, der nach Kräutern und Limettensaft schmeckt, gute Münchner Nächte anfangen (und enden).

Morgens frühstücke ich in einem kleinen Café am Anna-Platz. Die Leute, die da arbeiten, sagen inzwischen "Hallo, Hamburg" zu mir. Von da aus gehe ich zum Viktualienmarkt, Brotzeit kaufen. Am liebsten an dem Stand, wo man daumendicke Sauergurken auf die Hand bekommt. Letzten Herbst ist beim Gurken-Freisinger der Senior-Chef gestorben, in würdigem Alter zwar, aber bei so was kriege ich einen egoistischen Schrecken. Es hat mich beruhigt, als berichtet wurde, dass der Junior das Geschäft weiterführt, sich an den Gurken also nichts ändert.

Man kann die Brotzeit im Biergarten in der Mitte des Marktes essen oder sie mitnehmen an die Isar. Auf den Kiesbänken unterhalb des Kabelstegs habe ich so viel Zeit verbracht, da fühlt sich jeder Tag an wie der erste vom Rest der Ewigkeit. Es rauscht so vom Wehr her, man guckt in die Bäume und sieht eine Jahreszeit in die nächste übergehen. Ich überlege, was ich als Nächstes mache: Bahnen ziehen im Müllerschen Volksbad, wo die Wasserspeier hartnäckige Wirbel ins Wasser machen, gegen die man anschwimmen muss? Oder ist gerade Auer Dult? Steckerlfischzeit?

Vielleicht ruft jemand an und fragt: Was machen wir heute Abend? Setzen wir uns auf die Terrasse hinter dem Haus der Kunst und lassen den Stöckelschuh-Stress der P1-Crowd an uns vorüberziehen? Oder wir verabreden uns sicherheitshalber an einem Ort, wo bestimmt alles ist wie immer: im Filmmuseum, dem Baadercafé oder der Bar in der Damenstiftstraße, in der ich womöglich noch mehr Zeit verbracht habe als an der Isar, weil in ihrem orangen Licht in besonders schönen Momenten ein Zeittunnel aufgeht und München so aussieht, wie ich es mir vorstelle, lange bevor es mich gab: Stadt der Gammler, der Künstlerboheme und der Stenze.

Kleiner Tipp: Ein leichter Kater macht empfindlich und steigert den Kunstgenuss. Ein heiliger Ort ist der runde Raum, der in der Sammlung Brandhorst extra für Cy Twomblys Lepanto eingerichtet wurde: zwölf riesige Gemälde, auf denen schematische Schiffe in einer hellblauen See in die Schlacht ziehen, blutrot und goldgelb hingezuckt wie kindliche Gesten.

Von dort sind es drei Bushaltestellen zur Glyptothek. Da gibt es mitten in der Sammlung antiker Skulpturen ein Café im Innenhof, das geschützt und sonnig daliegt. Dass man einen solchen Ort verlassen soll, um im Norden einer Arbeit nachzugehen, erscheint mir da als irre schmerzhafte Vorstellung. Man kann den Schmerz lindern mit einem Schnitzel und einem dunklen Weißbier in einem Wirtshaus, wo mich die holzvertäfelten Wände mit dem Vertrauen erfüllen, dass alles, was mir wichtig ist an meiner Stadt, bleiben wird, bis ich wieder da bin.

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren