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Sissi Perlinger "Meine Psyche dachte, ich reiche nicht aus, um geliebt zu werden"

Die Unterhalterin erzählt, was sie durch einen Tinnitus über sich gelernt hat Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung

ZEITmagazin: Frau Perlinger, Sie sind Kabarettistin, Hörspielsprecherin, Autorin, Ratgeberin, Sängerin, Tänzerin, Schauspielerin. Habe ich irgendetwas vergessen?

Sissi Perlinger: Nein, ich würde sagen, ich bin "Bühnenschamanin". Ich behandele große Probleme, gehe mit den Zuschauern an den Abgrund und löse alles in heilsames Gelächter auf. Es geht dabei um Dinge, die ich selber erlebt habe. Dadurch kann ich zeigen, dass man Krisen überleben und aus ihnen lernen kann. Ich mache die Dramen zur Comedy. Je größer das Problem, desto lustiger ist es fürs Publikum.

ZEITmagazin: Wie werden Krisen denn lustig?

Perlinger: In dem Moment, in dem man Abstand zu ihnen gewinnt. Das Publikum hat den Abstand, weil es nicht drinsteckt, und ich, weil mein Stress lange hinter mir liegt, 1998. Ich bin einen Tinnitus losgeworden und habe einen Burn-out überwunden. Mein Leben hat sich zum fünfzigfach Besseren entwickelt, aber ich kann mich noch sehr gut daran erinnern.

ZEITmagazin: Es klingt ein bisschen so, als wären Ihre Shows ein Therapieersatz Ihrer eigenen Krisen?

Perlinger: Ich zeige in meinen Shows vor allem, warum ich in die Krise gerutscht bin. Damit berühre ich die Menschen, weil sie sich in mir wiedererkennen können. Dann lebe ich ihnen auf der Bühne auch eine Lösung vor, da ich die Krise ja erfolgreich bewältigen konnte. Dazu muss man sagen: Die Tür zur Praxis meines Therapeuten war für mich die wichtigste Tür, die ich je geöffnet habe. Ich konnte dort meine frühkindliche Programmierung erkennen, rausweinen und dadurch auch verändern. Wenn ich heute merke, alte Mechanismen setzen wieder ein, weiß ich, wie ich mich zu verhalten habe, und falle denen nicht mehr zum Opfer.

ZEITmagazin: Was war eines Ihrer Muster?

Perlinger: Ich war ein sehr vernachlässigtes Kind, als ich ein Jahr alt war, hat mich mein Vater verlassen, und meine Mutter hatte nie Zeit für mich. Sie hat gearbeitet, und nachts war sie mit meinem Stiefvater tanzen. Ich war die ersten drei Jahre meines Lebens quasi in meinem Gitterbettchen allein. In dieser Zeit hat meine frühkindliche Seele gefühlt: Ich genüge nicht. So, wie ich bin, reicht es nicht.

ZEITmagazin: Was meinen Sie mit "es reicht nicht"?

Perlinger: Meine Psyche dachte, ich reiche nicht aus, um geliebt zu werden und Aufmerksamkeit zu bekommen. Deswegen habe ich im Beruf so wahnsinnig übertrieben und fünf Jobs gleichzeitig gemacht. Ich denke immer noch: Nur singen? Das genügt nicht! Obwohl ich dreieinhalb Oktaven habe, und alle sagen Wow. Aber es muss immer auch noch fetzig sein und hochinteressant und tiefenpsychologisch und außergewöhnlich und vor allen Dingen wahnsinnig lustig.

ZEITmagazin: Sie meinen, es muss alles so lustig sein, weil die ersten Lebensjahre so traurig waren?

Perlinger: Das könnte eine Erklärung sein. Ich bin eine hundertfünfzigprozentige Künstlerin, mich interessiert nichts anderes, und deswegen habe ich den Ehrgeiz, so lange zu arbeiten, bis die Show perfekt knallt und jeder zweite Satz ein Lacher ist. Ich habe damals alle Angebote angenommen, weil ich dachte, ich genüge nicht. Ich habe aber nicht reflektiert, aus welcher Motivation heraus. In dem Moment, in dem ich berühmt geworden bin, hatte ich plötzlich die Aufmerksamkeit meiner Eltern und dachte, ha, das ist der Weg. Über zehn Jahre habe ich dann Tag und Nacht durchgearbeitet, bis ich völlig erschöpft war. Ein Jahr lang konnte ich nicht schlafen, weil ich dieses irrsinnig laute Pfeifen in den Ohren hatte. Aber selbst da habe ich noch alle Verträge abgearbeitet. Erst nach einem Jahr bin ich in die Therapie.

ZEITmagazin: Wie verlief die Therapie?

Perlinger: In einer Sitzung dieser speziellen Tinnitus-Therapie konnte ich mich plötzlich daran erinnern, wie mein Vater mich damals verlassen hat. Das war ein solcher Schmerz, den musst du als Kind wegsperren, um weiterleben zu können! Aber dann ist man ein Leben lang damit beschäftigt, dieses Gefühl der Trauer zu verdrängen. Heute habe ich alles aufgearbeitet und bin frei davon und kann es deswegen auch auf der Bühne erzählen und wunderbare Scherze darüber machen. Der Tinnitus war also quasi privat und beruflich meine Rettung.

ZEITmagazin: Warum der Tinnitus?

Perlinger: Weil durch den Tinnitus die Weisheit meines Organismus zu mir gesprochen hat. Wie eine eingebaute Alarmanlage. Der Körper entwickelt Symptome, um uns zum Hinschauen zu bringen. Mein Körper hat ganz klar signalisiert: Du brauchst jetzt ganz viel Urlaub!!! Mein Therapeut war mein Retter in der Not, der mir das alles klargemacht hat. Ich habe dann eine Liste erstellt, was ich wirklich brauche im Leben und was nicht. Die ganze Schauspielerei ist dabei weggefallen.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und findet, dass es sich aufgrund des dichten Kulturkalenders und der schattigen Biergärten gut in München leben lässt. Er traf Perlinger in der Pasinger Fabrik

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