Sprachassistenten "Hey, Google, spiel doch mal bitte Cello!"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 20/2018

Ich bin immer wieder erstaunt, wie selbstverständlich meine Töchter technische Neuerungen aufnehmen. Ich selbst habe großen Respekt vor neuen Gerätschaften. Ich fürchte, sie nicht bedienen zu können oder etwas kaputt zu machen. Schließlich wurde ich in der Prä-Internet-Zeit geboren. Ich kenne Telefone mit Wählscheibe noch persönlich. Wenn es ein neues Elektrogerät im Haus gab, dann musste man erst einmal eine lange Bedienungsanleitung studieren. Denn wenn man irgendein Kabel mit irgendeiner falschen Buchse verband, ruinierte man alles, irgendein Transistor brannte durch oder so. Meine Töchter kennen all diese Dinge und den Respekt davor nicht mehr. Für sie sind die kompliziertesten Geräte reine Gebrauchsgegenstände. Ich bin immer wieder erschüttert, an welchen Orten ich meinen Laptop im Haus wiederfinde, zum Beispiel in der Küche inmitten von dreckigem Geschirr, weil Lotta irgendwas aus dem Internet nachkochen wollte. Ich bin froh, dass ich ihn nicht aus der Spülmaschine holen muss. Die Kinder wissen gar nicht mehr, was eine Bedienungsanleitung ist, sie erwarten, dass sie jedes Gerät intuitiv benutzen können. Und sie können es auch tatsächlich. Lotta kann Videos auf dem iPhone produzieren, schneiden und hochladen. Neue Technik nimmt sie mit Gelassenheit hin.

Wir haben jetzt etwa einen Sprachassistenten im Haus. Einen von Google. Ein unglaubliches Gerät. Es ist so groß wie ein Türstopper, kann aber mehr, fast alles: meine Stimme decodieren, Musik spielen, das Wetter vorhersagen, mich belauschen. Für Lotta aber war diese technische Revolution in unserem Haushalt so aufregend, als hätte ich irgendwo eine Glühbirne gewechselt. "Hey, Google", sagte sie, als seien die beiden alte Bekannte. Dann sagte sie: "Spiel doch mal bitte Cello." Dieses Lied von Udo Lindenberg lässt sich eine ihrer Freundinnen stets von ihrem Home-Assistenten vordudeln. Ihr "bitte" fand ich gleichermaßen irritierend und erleichternd.

Irritierend, wie dieses Gerät sofort wie ein neues Familienmitglied angenommen wurde. Jemand, dem man treuherzig alles anvertrauen kann. Und nicht etwa wie eine potenzielle Wanze im Dienste eines Superkonzerns. Dann aber wieder gefiel mir, dass Lotta so höflich zu dem Ding war. Ich habe in Familien von Bekannten mitbekommen, wie der Sprachassistent zur sprachlichen Verrohung beiträgt. Dort war etwa das Konkurrenzgerät von Apple, Siri, im Dienst. Die Tatsache, dass Siri auch gehorcht, wenn man nicht "bitte" sagt, führte dazu, dass man sich die Höflichkeit bald sparte: "Siri, wie wird das Wetter?" Alles bekam einen unangenehmen Befehlston, der gereizter wurde, wenn Siri nicht gleich verstand, was gemeint war. Es gab ein neues Familienmitglied, aber eben eines, das in der Hackordnung ganz unten ist. Ich fühlte mich an Filme über das Amerika zur Zeit der Sklavenhaltung erinnert, in denen weiße Kinder die schwarzen Sklaven kommandieren. Wenn es wirklich stimmt, dass die künstliche Intelligenz immer ausgeprägter wird, werden sich Siri und ihre Kollegen einmal für die Unfreundlichkeiten rächen, fürchte ich.

Ob das Google-Ding lange bei uns weilen wird, bezweifle ich. Lotta hat das Interesse schon wieder verloren. Das Gerät spielte nämlich nicht Udo Lindenberg, sondern tatsächlich ein Cello-Kammerkonzert. Und das ist fast das Schlimmste, was man Lotta antun kann.

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