Tradition in München Oida!

Wahrscheinlich war das traditionelle München schon immer eine Erfindung, früher vielen ein Graus, heute wieder Sehnsuchtsort. Zu Besuch bei Malern, Musikerinnen und Wirtsleuten, die Altes und Neues miteinander versöhnen. Von

Am Anfang stand ein Segelboot. Seit einer ganzen Weile schon taucht es an unterschiedlichsten Stellen in der Stadt auf. Auf Gemälde-Größe aufgezogen, kann man es in besseren Münchner Gegenden an den Wänden im Wohn- oder Esszimmer antreffen. Dann wieder schaut es einen unerwartet als Kunstmotiv aus dem Postkartenständer gut sortierter Papeterie-Läden an, seltsam vertraut, seltsam irritierend: ein Segelboot, das Segel weiß, allein auf blauem See. Für ein Gemälde sieht es zu realistisch aus, für ein Foto zu verzaubert – ein Gerhard-Richter-Effekt, dabei ist der Künstler weitgehend unbekannt. Vor allem aber entfaltet das Motiv eine Magie des Bayerischen, wie man sie selten antrifft: Es scheint ganz von hier zu stammen und könnte doch der ganzen Welt gehören. Vielleicht aber ist dieses Segelboot auch so hartnäckig faszinierend, weil sein Rätsel viel grundsätzlicher ist, weil es weit über die Ränder einer Postkarte, eines Kunstwerks hinausgeht: Was hat es nur mit Bayern auf sich, dass in München das Bayerische – lange belächelt, manchmal verachtet – gerade so eine Renaissance erlebt?

Da gibt es zwei Kneipenwirte, einen aus Baden und einen aus Württemberg, die an der Schellingstraße eine urbayerische Kneipe aufmachen; die die Maxvorstadt als Dorf ihres Lebens sehen und gleichzeitig vor einer "Münchner Krankheit" warnen.

Da gibt es einen voll tätowierten Bauernsohn und Drechsler, der gegenüber dem Watzmann auf dem Hof der Eltern wohnt, erst in einer Punkband spielte und gelegentlich für Trachtenmode modelte, bis er als "Holz-Hipster" auf Instagram unversehens Zehntausende Follower gewann.

Und schließlich werkelt da im Künstler-Containerdorf am Ostbahnhof ein Grafikdesigner, Skateboarder und ehemaliger Elektroniker-Geselle der Münchner S-Bahn, der seinen Schulhof-Schimpfnamen als Mischlingskind zu seinem Künstlernamen gemacht hat – Michael "Mixen" Wiethaus –, und seitdem beträchtlichen Erfolg damit hat, Münchner Redensarten in Design zu verwandeln.

Was sie alle verbindet, ist eine verblüffende Liebe zum Traditionellen, dem traditionell bayerischen, dem traditionell Münchnerischen – bei jeweils ganz untraditionellem eigenen Background.

Wenn so das neue Bayern ausschaut, dann kann man es ja möglicherweise mögen, auf eine Art, wie es weder beim tumben Humptata der Volksmusiksendungen vorstellbar schien noch bei der Mia-san-mia-Überheblichkeit von Franz Josef Strauß bis Franz Beckenbauer. Und ganz en passant kommt man dabei vielleicht sogar einem Geheimnis auf die Spur, das Bayern-Deuter bereits seit den Tagen von Ludwig II. und seinem Neuschwanstein beschäftigt: Ob Bayern immer schon eine Erfindung war – aber vielleicht noch nie eine so verlockende wie heute?

Noch bis weit in die neunziger Jahre hinein war das Bild alles Bayerischen vergiftet von den Nachwehen eines stillen Bürgerkriegs: Hier eine scheinbar allmächtige Staatspartei CSU mit Zugriff von den Schulen bis zum Bayerischen Rundfunk, dort ihre verlorene, aber umso hartnäckigere Schar von Gegnern. Kurz gesagt: hier das Franz-Josef-Strauß-Übermachts-Bayern – dort das Stoppt-Strauß-Underdog-Bayern.

"Das entspannte Dazwischen, das wir so machen, das geht erst heute", sagt Josef Winkler, Inspirator, Redakteur und Autor einer Zeitschrift, die wie kaum eine andere die vielen Arten, heute bayerisch zu sein, unter ihrem Dach versammelt. MUH ist das Zentralorgan eines neuen, wilderen Bayern-Durcheinanders, das plötzlich viel mehr Leuten ein ideelles Bierzeltdach über dem Kopf bietet, als es früher denkbar schien. "Früher hat es diese tribes gegeben, diese Stämme, wo jeder in seiner Ecke stand", hat Winkler beobachtet, "heute mischt sich’s in der Mitte."

Und so findet sich im Heft die kritische Titelgeschichte zu 25 Jahren Zerstörung des Altmühltals durch Straußens Ausbau des Rhein-Main-Donau-Kanals einträchtig neben einer Kolumne der Landärztin Astrid Brandl, Autorin des Standardwerks Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe. Wobei der Titel MUH übrigens für Musik und Heimat steht, einst von LaBrassBanda-Gründer Stefan Dettl ins Leben gerufen. Winkler wiederum war 15 Jahre lang Redakteur beim Musikexpress. Als das Magazin Ende der nuller Jahre nach Berlin umzog, fand Winkler das zehn Jahre zu spät, jedenfalls für sich: "Jetzt könnt’s mich am Arsch lecken, jetzt komm ich nimmer mit nach Berlin." Dass Winkler – wie es Strauß dereinst von sich sagte – Mitglied im Verein für deutliche Aussprache ist, prägt auch das Blatt. Was man auf jeden Fall über die MUH sagen kann: Sie ist nicht so das Blatt fürs Manufactum-Bayern. Oder, wie Geschäftsführerin Nicole Kling sagt: "Schau, ein Reh, und lass uns Marmelade einkochen – das ist halt nicht unsere Sach."

Dass das Bayerische viel wandelbarer ist, als es seinem Ruf als Retro-Kultur entspricht, machen auch Holger Britzius und Michael Jachan vor, genannt Holle und Michel, mit ihrem neuen Lokal Obacht in der Maxvorstadt. "Wir haben mit da vorne eigentlich gar nix zu tun", sagt Michel, und sein Arm zeigt nach links, die Schellingstraße hinunter, als lägen dort Nebelbänke, wenn nicht gleich das Ende der Welt. "Da vorne", das ist die ferne Türkenstraße mit ihren Copyshops und Antiquariaten, aber auch dem Arri-Kino. Für Ahnungslose liegen zwischen beiden Enden der Schellingstraße bloß ein paar Querstraßen, für Michel und seinen Geschäftspartner Holle dagegen ist es der Unterschied zwischen "hier" und "da", zwischen der Maxvorstadt, die sie ihr Dorf nennen, und dem Rest von München, über den sie sprechen, als seien sie dort höchstens zu Gast und auch das bloß selten. "Wir kommen hier kaum aus der Gegend raus – und das seit 15 Jahren", sagt Holle. Hier betreiben sie höchst erfolgreich die Fußballkneipe Stadion an der Schleißheimer Straße, jetzt haben sie um die Ecke frisch ein Wirtshaus aufgemacht, unter dem programmatisch-bayerischen Namen Obacht. Und während ein Lokal namens Achtung! einen fast preußisch-militaristischen Hab-acht-Beigeschmack hätte, schmiegt sich das auch phonetisch runde Obacht den Sinnen recht freundlich an.

Was nicht heißen soll, dass sich in der Maxvorstadt sorgenfrei leben ließe. Holle zählt inzwischen die Rentner, die ihm auf der Straße begegnen, sie sind sein Gradmesser dafür, wie viel noch in Ordnung ist im Viertel. "Es waren früher viel mehr Alte", sagt er, und dass er sich geadelt gefühlt habe, wenn die mit ihm, dem jungen Kneipier mit den wirren Haaren und im wild bedruckten T-Shirt, geredet hätten. "Die Älteren, das waren die Chefs." Das Obacht, so lässig und jung es eingerichtet ist, will auch ein Ort für die lokalen Originale sein. "Das wär schon mein Wunsch, dass sich das so entwickelt zur Dorfkneipe." Die Karte bietet "Fleischpflanzerl (zwei Stück)" für 8,50 Euro oder "Dreierlei Semmelknödel (vegetarisch)" für 12,20 Euro an, und an den Wänden hängen Motive des Grafikdesigners Wiethaus, der Wirtshaus-Sprüche in ebenso zeitgeistige wie eigenwillige Typo überträgt: "Hock di her da, samma mehra", oder "Es gibt nix Bessres wia was Guats". Auf seine Weise ersetzt das neu gegründete Obacht ein München, das es immer weniger gibt. "Die Leute hier haben schon so viele Heimaten verloren, denn so viele Lokale gibt’s nicht mehr", sagt Holle, "und wir geben denen", er zögert, "eine neue Heimat."

Und so verteidigen Holle aus Karlsruhe und Michel aus Heilbronn inmitten der Maxvorstadt eine Münchner Tradition, deren Teil sie soeben erst werden. "Es ist eine Huldigung – und eine Sehnsucht", konstatiert Holle. Ein Badener und ein Württemberger sehnen sich nach einem Bayern, das sie selber gerade erschaffen? Plötzlich hängt Melancholie über dem Kneipentisch. "Ich hätt zu gern mal in den siebziger, achtziger Jahren hier gelebt", sagt der eine. Und der andere seufzt: "Im Grunde sind wir viel zu spät nach München gekommen."

Doch ohne eine gewisse Schwermut wären sie womöglich nie Wirte geworden. Zwei juristische Staatsexamina und ein Anzug-und- Krawatte-Job bei einem Münchner Medienkonzern lagen hinter Michel, als er aus dem Hamsterrad ausstieg. "Die Münchner Krankheit" nennt sein Partner den weit verbreiteten Wahn, den Karriere-Turbo ohne Rücksicht auf Verluste heiß laufen zu lassen. Bloß kein Rädchen im Getriebe sein, der Wunsch eint die beiden in ihrem jetzigen Leben. Melancholische Patrioten der Maxvorstadt sind sie darüber geworden. Sagt Michel: "Wenn über dich geredet wird, weißt du, dass du lebst." Wer nichts wird, wird Wirt? Eher andersrum: Wer Wirt wird, wird wer.

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