Biblische Orte Gelobtes Land

Jedes Jahr pilgern Tausende Gläubige an die heiligen Stätten der Bibel. Die Fotografin Merlin Nadj-Torma hat diese Orte in Nahost besucht. Beim Betrachten ihrer Bilder fragt man sich: Ist es wirklich nur der Glaube, der den Orten ihren Zauber verleiht? Von
ZEITmagazin Nr. 21/2018

Der heiligste Ort der Welt ist natürlich die Welt selbst. Seit Menschengedenken gibt es den Glauben, dass das Göttliche sich in der irdischen Landschaft widerspiegelt: nicht nur in bestimmten Bergen und Flüssen, in Tieren und Naturphänomenen, Himmel und Meer – sondern in der Gesamtheit der Schöpfung.

Der jüdische Philosoph Baruch de Spinoza fand dafür im 17. Jahrhundert die Formel: Gott ist in allem Seienden. Aus seinem unendlichen Wesen folge Unendliches auf unendlich unterschiedliche Weise, aus der natura naturans (der schöpferischen Natur) entspringe die natura naturata (die geschaffene Natur). Der Gedanke klingt heute fromm, aber damals widersprach er dem doktrinären Verständnis von Heil, Heiligkeit und Heiliger Schrift. Spinoza, in Amsterdam geborener Sohn sephardischer Juden, galt früh als Ketzer. Mit 23 wurde er von den Rabbinern seiner Gemeinde mit einem Bann belegt, als er 42 war, ließ die Kirche seinen Tractatus theologico-politicus verbieten. Eigentlich wollte er nur seine Sicht Gottes verteidigen, tatsächlich inspirierte er das moderne Verständnis des Heiligen, löste einen Pantheismus-Streit aus und befeuerte die aufgeklärte Religionskritik.

Auch die Fotografin der Bilder auf diesen Seiten scheint mit den Augen Baruch de Spinozas zu sehen, wenn sie auf das Heilige Land schaut. Merlin Nadj-Torma zeigt uns die Orte, die in den heiligen Schriften der Juden und der Christen beschrieben werden, als natürliche Orte in Nahost: Jericho und den Ölberg, Sinai, Kafarnaum und den See Genezareth. Alle Bilder wirken auf den ersten Blick fast profan. Jericho sieht nicht aus, als sei die Stadt je bedeutend genug gewesen, dass man ihre Mauern mit Blasinstrumenten zum Einsturz bringen musste. Die Palmsonntags-Prozession sieht nicht aus, als finde sie auf dem Ölberg statt, von wo aus Jesus nach seiner Auferstehung in den Himmel auffuhr. Die Taufstelle Jardenit am Fluss Jordan sieht nicht aus wie eine berühmte Pilgerstätte.

Und doch bannen die Bilder den Blick des Betrachters. Sie zwingen ihn, das Verborgene, Vollkommene, Heilige dieser Landschaften zu suchen. Und je länger man hinschaut, desto mehr kann man sich vorstellen, dass Moses vom Berg Nebo das Gelobte Land erblickte und dass der See Genezareth der aus der Bibel ist.

Diese heiligen Orte zeigen, dass das Heilige überall sein kann und nicht unbedingt Kirche oder Synagoge braucht. Sie erinnern an Spinozas Idee, Gott sei in allem Seienden. Wer sie betrachtet, der ahnt, warum das Wort Spinozist bis heute ein Schimpfwort ist und warum der Bann gegen den jüdischen Denker noch nicht aufgehoben wurde.

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