Harald Martenstein Gute Nacht, Abendland

In Oxford gibt es jetzt eine Frauen-Quote für philosophische Texte. Sollen bald auch Hegel und Kant verboten werden? So werden Studentinnen für das Patriarchat bestraft. Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 21/2018

In Oxford kann man auch Mathematik studieren, natürlich schreiben sie da Klausuren. Die Studentinnen und Studenten bekommen in Oxford seit 2017 mehr Zeit, bevor sie ihre Blätter abgeben müssen, nämlich 105 Minuten statt bisher 90. Zur Begründung hieß es, Frauen kämen nicht so gut mit Zeitdruck zurecht, deshalb würden sie schlechter abschneiden. Ist das wirklich so? Dann bin ich dafür, dass Frauen für die Feuerwehr nicht mehr zugelassen werden. Da gibt es oft Situationen, in denen blitzschnell reagiert werden muss.

Zur Ehrenrettung des Feminismus sollte erwähnt werden, dass einige Feministinnen auf diese Hilfsmaßnahme empört reagiert haben. Im Independent schrieb eine Kommentatorin, die neue Regel sei beleidigend für alle Frauen. Ohnehin seien Studentinnen an den Unis längst erfolgreicher als Studenten. Wenn sich der derzeitige Trend fortsetze, seien in ein paar Jahren 75 Prozent aller Hochschulabsolventen weiblich. Und wenn in ein paar Fächern die Männer im Schnitt besser seien, etwa in Geschichte, dann handele es sich dabei nur um einen "Tropfen im Ozean der Realität". So weit Izzy Lyons, eine Stimme der Vernunft.

Ein Fach, in dem Zeitdruck keine ganz so große Rolle spielt, ist die Philosophie. In Oxford müssen jetzt 40 Prozent der Texte auf den Leselisten von Philosophinnen stammen. Bekanntlich waren fast alle großen Philosophen der Vergangenheit männlich. Dies hängt natürlich mit Chancenungleichheit und dem Patriarchat zusammen. Nun werden die Studentinnen für das Patriarchat bestraft, weil sie weniger Kant, Leibniz oder Hegel lesen dürfen und stattdessen mit den vergleichsweise mediokren Hervorbringungen von Zeitgenossinnen zugemüllt werden. Gute Philosophinnen würden ja hoffentlich ohnehin auf der Lektüreliste landen. Ich hoffe, dass es in der Medizin nicht so weit kommt. Wenn die ersten Patientinnen sterben, weil ihre Chirurgin ein paar Standardwerke männlicher Autoren nicht gelesen hat oder weil sie in der Ausbildung immer eine Viertelstunde länger zur Wundversorgung brauchen durfte, gibt es sicher Schadensersatzprozesse. Dann helfen nur noch Richterinnen, die das Gesetzbuch nicht gelesen haben, weil es ja mehrheitlich von Männern verfasst wurde.

Ungerechtigkeiten der Vergangenheit kann man nicht ungeschehen machen, indem man neue Ungerechtigkeiten an ihre Stelle setzt, zum Beispiel Leselisten, in denen die Geschlechtsorgane der Autorenperson wichtiger sind als deren historische Bedeutung. Wenn sie an den Schulen demnächst Brecht aussortieren, um Rosamunde Pilcher an seine Stelle zu setzen, wäre das schade, auch für die Schülerinnen.

Lest Nelson Mandela, verdammt noch mal. Seine Botschaft hieß: Lasst uns ein neues Kapitel aufschlagen, vorbei ist vorbei. Neue Menschen werden geboren, und sie sind unschuldig an der Vergangenheit.

Sollen die Jungen von heute für das Patriarchat bestraft werden, oder alle Weißen für die Verbrechen des Kolonialismus? Wer so denkt, der ist nicht viel besser als Rassisten und Patriarchen, er ist nur eine traurige Kopie. Neulich las ich in der taz von einer bedrohten Pflanze, dem Knabenkraut. Wie lange es wohl noch dauert, bis das umbenannt wird? Und was ist eigentlich mit den Erdmännchen? Müsste es nicht längst "Erdpersönchen" heißen? Reduziert das Fleißige Lieschen nicht alle weiblichen Zellstrukturen auf die Rolle einer untergeordneten Helferin?

Die Extrazeit hat den Mathematikerinnen in Oxford übrigens wenig gebracht, die Männer waren auf der Langstrecke immer noch besser. Da werden sicher bald 30 Minuten Extrazeit gewährt.

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