Imkern Honig im Kopf

Imkern ist das neue Hobby deutscher Großstädter geworden und die Biene zu einem der beliebtesten Tiere. Das liegt auch daran, dass es heißt, sie sei vom Aussterben bedroht und wenn sie verschwinde, verschwinde auch der Mensch. Geht es der Biene wirklich so schlecht?
ZEITmagazin Nr. 21/2018
Dass ein Teil der Völker den Winter nicht übersteht, gilt unter Imkern als normal. © Nadine Redlich

An einem Novembertag sieht Annemarie Blohm noch einmal nach ihren Schützlingen, denn bald beginnt der Winter, die Zeit der Kälte und Gefahr. Von einer Brücke im Berliner Stadtteil Friedrichshain tritt sie auf einen Bahndamm. Dahinter liegt eine versteckte Brachfläche, ein schmaler Grünstreifen, umgrenzt von Bahngleisen. Im welken Gras stehen zwei Holzkisten mit Blechdeckeln. Blohm öffnet einen der Deckel und zieht ein Holzrähmchen heraus. Darauf sitzt ein dunkles Knäuel, das sich kaum merklich bewegt. Bienen auf einer Honigwabe.

"Na, die sehen ja ganz fit aus", sagt Blohm erleichtert.

Es ist ihre zweite Saison als Imkerin, und sie sorgt sich, ihre Bienen könnten den Winter nicht überleben. Wenn es kälter wird, müssen die Beuten – so nennen Imker die Holzkisten – geschlossen bleiben, sonst sind die empfindlichen Insekten in Gefahr. Als Blohm im Frühjahr zuvor ihre Beuten öffnete, waren beide Völker tot. Sie weiß bis heute nicht genau, woran sie gestorben sind, denn sie hat die toten Bienen nicht untersuchen lassen. Das ist teuer, und Blohm hat auch so schon viel Geld ausgegeben für ihr Hobby – für die Beuten etwa und eine Jacke mit Imkerhut zum Schutz vor Stichen. Eigentlich hatte sie sich nur eine Kiste mit Bienen auf den Balkon stellen wollen, wie das in Berlin viele tun, aber die Leute vom Imkerverband guckten sie erschrocken an, als sie ihnen von der Idee erzählte. Blohm belegte dann erst mal einen Imkerkurs. Wahrscheinlich starben ihre Völker, weil sie von der Varroamilbe befallen waren und im Winter zu geschwächt waren, glaubt sie. Die Milbe ist ein verbreiteter Parasit. Aber aufgeben will Blohm nicht. "Bienen sind doch wichtig. Ohne sie würde in der Natur nichts funktionieren. Sie werden gebraucht für die Bestäubung der Pflanzen. Das muss man kommunizieren."

Annemarie Blohm ist 34 Jahre alt, eine große Frau in einem langen Wollmantel, über dem sie einen pinkfarbenen Rucksack trägt. Eigentlich ist sie Künstlerin. Weil sie von ihren Video- und Fotoarbeiten nicht leben kann, arbeitet sie in der Redaktion einer Zeitschrift über Jugendsozialarbeit. Es ist sicher kein Zufall, dass sie vor zwei Jahren, als sie ihr Kunststudium in Braunschweig beendete und nach einem "naturnahen Hobby" suchte, auf Bienen kam. Das Imkern ist auch die Verbindung zu etwas Größerem, Sinnstiftendem.

In Berlin hat sich die Zahl der registrierten Hobbyimker in den letzten zehn Jahren fast verdreifacht, auf 1.300. Für jüngere Großstädter ist Imkern so richtig wie Radfahren oder Einkaufen im Bioladen. Und selbst wer nicht imkert, findet die Biene süß, sie ist heute wahrscheinlich das beliebteste Tier nach Hund und Katze. Viele Umweltschutzorganisationen setzen sich für sie ein, es heißt, sie sei vom Aussterben bedroht. Selbst in den Koalitionsvertrag haben es die Bienen geschafft, und CDU und SPD betonen, deren Schutz liege ihnen "besonders am Herzen". Die Biene ist nicht nur klein und schwach, ein Geschöpf, um das man sich gern kümmert. Sie ist das perfekte Symbol für die vom Menschen malträtierte Natur.

Aber geht es der Biene wirklich so schlecht, wie alle behaupten? Was steckt hinter dem "Bienensterben", von dem man ständig hört, und was hat es mit dem "Insektensterben" zu tun, von dem neuerdings auch die Rede ist? Und bekommt es der Biene eigentlich, dass sie nun so viel Liebe auf sich zieht?

Wer mehr über Bienen lernen will, müsse unbedingt den Dokumentarfilm More than Honey aus dem Jahr 2012 anschauen, sagt Annemarie Blohm. Der Schweizer Regisseur Markus Imhoof hat damit viele Preise gewonnen. Sein Film zeigt, wie Imker weltweit mit Honigbienen wirtschaften und welche Folgen das für die Bienen hat. Anders als in Deutschland ist die Imkerei in Ländern wie den USA ein industrielles Geschäft: Die Imker fahren dort mit Tausenden von Völkern in Lastwagen durchs Land und bestäuben gegen Bezahlung, etwa Mandelbäume in Kalifornien. Die Felder sind dort so groß, dass die Zahl der natürlich vorkommenden Insekten nicht ausreicht. Anlass für den Film war der Tod vieler Bienenvölker in den USA im Winter 2006/07. In jedem dritten Bienenstock waren damals plötzlich sämtliche Arbeitsbienen verschwunden, die den größten Teil eines Bienenvolks ausmachen. Man nannte das Phänomen colony collapse disorder. Die Ursachen für den Untergang ganzer Völker sind bis heute nicht genau geklärt.

Dass ein Teil der Völker den Winter nicht übersteht, gilt unter Imkern als normal. Arbeitsbienen leben nur sechs bis acht Wochen lang, und im Winter, wenn die Königin die Produktion von Eiern fast einstellt und ein Bienenvolk, das aus mehr als 30.000 Bienen besteht, auf wenige Tausend Insekten schrumpft, können Unterernährung oder Kälte schnell den Tod eines Volks bedeuten. Berichte über größere Bienensterben gab es bereits im Mittelalter. Deutsche Imker verloren zuletzt im Winter 2002/03 viele Bienen, ungefähr ein Drittel.

Die These von More than Honey lautet: Der Mensch ist nicht gut zur Biene, und das rächt sich. Der Film zeigt unter anderem chinesische Arbeiter, die mit Wattestäbchen Obstbäume betupfen, weil es in ihrer Gegend keine Bienen mehr gibt. Der Film zitiert einen Satz, der von Albert Einstein stammen soll: "Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben." Wenn die Biene keine Pflanzen mehr bestäuben könne, gingen die Nahrungsgrundlagen des Menschen verloren.

Dass die Botschaft von der bedrohten Biene in Deutschland mittlerweile jeden erreicht hat, dafür hat wohl niemand so viel getan wie die Biologin Corinna Hölzer. An einem sonnigen Herbsttag sitzt sie in einem Souterrainbüro in Berlin-Zehlendorf, eine zierliche Frau mit einer randlosen Brille. Der Blick aus dem Büro geht ins Grüne, mit ihrer Stiftung für Mensch und Umwelt ist sie an den Stadtrand gezogen.

Seitdem Imker in den USA 2007 besonders viele Völker verloren, redet man vom "Bienensterben". © Nadine Redlich

Hölzer ist 52 Jahre alt und erzählt, bereits während ihres Studiums in den achtziger Jahren habe sie daran gelitten, "dass alles den Bach runtergeht". Wie sie empfanden damals viele, nur dachte man zuerst an Fässer mit Atommüll und an verdorrte Baumwipfel und nicht, wie heute, an Bienen oder den Klimawandel. Hölzer gründete ein Medienbüro, das Umweltministerien und -verbände beriet. Schließlich hatte sie die Idee, um die sich heute ihr berufliches Leben dreht und auch die Arbeit ihrer Stiftung, bei der sie, ihr Mann und vier weitere Mitarbeiter angestellt sind.

In einem Zeitungsartikel, den sie 2010 entdeckt, geht es um einen Imker, der auf dem Dach der Pariser Opéra Garnier ein Bienenvolk hegt und pflegt. Bienen in der Großstadt, auf einem Gebäude, das jeder kennt – Hölzer begreift sofort, wie mächtig dieses Bild ist: die Biene als Marke, mit der man jene erreicht, denen die Natur fremd geworden ist. In den Städten, wo besonders viele Grünen-Wähler und ökologisch sensible Bürger leben.

An der Umweltbewegung missfiel Hölzer immer "das Apokalyptische", die ständigen Negativbotschaften. Mit der Biene wendet sich das jetzt: Sie ist positiv besetzt, der von schlechtem Gewissen geplagte Städter kann selbst etwas für sie tun – indem er etwa Pflanzen auf den Balkon stellt, deren Blüten Bienen mögen. In den Parks und Hinterhöfen gibt es ohnehin mehr Nahrung für die Biene als in Landstrichen, wo nur Weizen auf riesigen Feldern wächst, und niemand versprüht dort Pestizide. Ausgerechnet die naturferne Stadt wird für ihre Bewohner, so Hölzer, zur "Arche Noah".

Mit der Idee, Bienenstöcke in Berlin auf die Dächer von öffentlichen Gebäuden zu stellen, bewirbt sie sich bei einem Nachhaltigkeitswettbewerb. Sie gewinnt 20.000 Euro und gründet damit ihre Stiftung. Ihr erstes Projekt nennt sie "Berlin summt! Summen Sie mit?!" und schreibt Prominente an, unter anderem den ehemaligen Berliner Regierenden Bürgermeister Walter Momper, damals Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses. Bei der Einweihungsfeier für seine Bienen im Frühjahr 2011 taucht er im Imkerschleier auf. "Ich hatte das nicht für möglich gehalten, aber das Ding flog sofort", sagt Hölzer. Es sei ihr von Anfang an nicht nur um die Bienen gegangen, sondern um Naturschutz, um biologische Vielfalt überhaupt.

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