Reisen "Kein Stress, Papa, wir sind doch im Urlaub"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 21/2018

Luna und ich haben eine kleine Tradition, wir machen regelmäßig Kurzurlaube zusammen. Zuletzt waren wir gemeinsam in Warschau. Warschau ist vielleicht kein Traumziel für einen Urlaub. Aber mit Traumzielen muss man Luna auch nicht kommen. An einem Strand zu liegen und in den Himmel zu starren ist für meine Älteste ein Albtraum. Sie findet Sonne ganz schlimm. Luna hat einiges von mir geerbt, vor allem meine helle Haut. Am liebsten läuft Luna mit Sonnenbrille und Schirmmütze herum. Mittlerweile bekommt sie nicht mehr so schnell Sonnenbrand, aber früher kam es schon vor, dass mich meine Tochter für mein Erbgut beschimpfte, während sie sich Salbe auf die roten Hautpartien schmierte. Auch deswegen hoffe ich, dass sich mit steigendem Gesundheitsbewusstsein das Schönheitsideal von Urlaubsbraun weiter Richtung eleganter Blässe verschiebt. Ich stünde dann besser da.

Osteuropäische Reiseziele bieten sich da ja an. Man muss nur einen Dostojewski-Roman lesen, in denen oft von feinen, blassen Damen die Rede ist. Problematisch an Osteuropa ist hingegen, dass die vegetarische Küche nicht sehr entwickelt ist. Wo Luna doch Veganerin ist. Das andere Problem bin ich. Ich bin ein schrecklicher Reiser. Ich gehe immer nur vom Schlimmsten aus. Luna wohnt in einer WG, wir müssen uns früh am Bahnhof treffen, um den Zug nach Warschau zu erreichen. Ich bin überzeugt, dass sie verschläft, zumal sie am Vorabend mit Freunden unterwegs war. Der Gedanke, dass meine Tochter verschläft, wir den Zug nicht erreichen und vier Stunden später anreisen müssen, macht mich total fertig, ich kann kaum schlafen. Am Morgen bin ich es aber, der von seiner Tochter eine SMS bekommt: "Papa, kommst du zu spät?" Dabei bin ich nur fünf Minuten hinter der Zeit, weil ich zurückrennen musste, um meinen Reise-Netzadapter einzupacken. Ich dachte, ich könnte sonst in Warschau mein Handy nicht laden. Meine Nervosität legt sich erst, als wir im Zug unsere Plätze erreicht haben. Dann werde ich wieder nervös, weil ich denke, dass uns jemand das Gepäck klauen könnte.

In Warschau ist das Wetter schön, wir haben ein nettes Apartment in der Altstadt, mit Blick auf den Markt. Luna sagt: "Jetzt können wir uns erst einmal entspannen." Das wiederum verstehe ich überhaupt nicht. Für mich sind Städtereisen wie dreidimensionale To-do-Listen. Ich erkunde die Stadt im Dauerlauf. Aber Luna bremst mich aus. "Kein Stress, Papa, wir sind doch im Urlaub." Dann allerdings bin ich es, der sich auf das Sofa legt und sofort einschläft. Luna muss mich wecken, weil sie Hunger hat. Interessanterweise gibt es ein veganes Restaurant gar nicht weit entfernt. Luna meint, es sei gut, wenn das Reisen meine Vorurteile abbaut. In Polen nutze man übrigens dieselben Steckdosen wie zu Hause, sagt sie. Ja, ja.

Luna ist größer als ich. Wenn wir zusammen ausgehen, werden wir oft für ein Paar gehalten. Ich ernte oft angewiderte Blicke, weil man mich für jemanden hält, der sich an Frauen ranmacht, die seine Töchter sein könnten. In Warschau allerdings nimmt niemand daran Anstoß, stattdessen stößt mich meine Tochter ständig an: "Komm, wir rennen ein Stück." Ich freu mich schon darauf, wenn ich einmal so alt bin, dass Luna im Urlaub neben mir wirkt wie meine Pflegerin. Dann wird sie mich schonender behandeln müssen. Demnächst möchte sie übrigens nach Tschernobyl reisen.

Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

Vielen Dank für den Link zum interessanten Reisebericht! Die radiologischen Aspekte sind natürlich sehr interessant. Touristisch wertvoll wird der Besuch durch das Naturerlebnis, wegen der fortgezogen Menschen. Alle menschenverlassenen Gebiete sind wichtig für die Biodiverität, wie auch der ehemalige Eiserne Vorhang.
Leider versaut man die Natur dort neuerdings wieder durch einen Sonnenzellenpark.

Ich verstehe nicht ganz den Sinn des Artikels von Herrn Prüfer.
Was hat er in Warschau erwartet? Gänse und Pferdewagen auf den Straßen (Die sind doch aber eher Kutschen und nur als touristische Attraktion)? Oder spazierende unter den Sonnenschirmen blasse Damen? (Die findet man doch in königlichen Łazienki-Park auch nur als Attraktion).

Ich empfehle Internet-Informationen und Google-Earth. Damit kann man sich gut auf eine Reise vorbereiten.