Cardi B: Über Wut!!!!!!!!!!!

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 22/2018

Der amerikanischen Rapperin Cardi B, die als die nächste Beyoncé gilt, hat es nicht so gut gefallen, dass ihre Rapper-Kollegin Azealia Banks (die auch mal ganz kurz als die nächste Beyoncé galt) sie neulich im Radio als "analphabetische, untalentierte Ratte" bezeichnete. Ihr Ärger richtete sich im Jahr, in dem Kendrick Lamar als erster Rapper den Pulitzerpreis gewann, vor allem gegen den ihr unterstellten Analphabetismus. Auf Instagram antwortete Cardi B in einer zwar ausrufezeichenreichen und kommataarmen, sonst aber orthografisch akzeptablen und mittlerweile legendären Wutrede: "Glaubst du, nur weil jemand viele tolle Wörter verwendet und so lange Sätze schreibt, ist er klug?" Das ist für eine Wutrede schon mal ein recht vernünftiger Gedanke, den sich Abiturienten für die Deutsch-Prüfung auf die Unterhose sticken sollten. Und: "Wie klug kannst du sein, wenn du nicht mal weißt, dass analphabetisch bedeutet, dass man nicht schreiben und lesen kann. Ich kann beides." Guter Punkt, und selbst wenn sie die Definition des Wortes bei Wikipedia nachgelesen hätte, hätte sie ja bewiesen, dass ... genau.

Man hätte also hoffen können, dass die Geschmähte ihre Wutrede betrachtet und sich sagt: "Getroffen! Gehe ich mal einen Kaffee trinken und an was anderes denken." Aber das tat sie nicht, sondern sie löschte, auf den ersten Blick widersinnig, ihren Account bei Instagram, wo sie eben gerade ihre Wutrede veröffentlicht hatte. Sensible Erwachsene werden nun zusammenzucken vor Schreck, weil sie sich fragen: Den liebevoll gepflegten Instagram-Account löschen – wenn das meine Tochter macht, ist das nicht so, als würde ich mein Wohnzimmer abfackeln? In der Tat, Instagram-Account löschen ist schlimm. Aber so schlimm wie Wohnzimmer abfackeln ist es nicht, sondern nur so schlimm wie Hotelzimmer zertrümmern. Das Schöne an dieser einst sehr beliebten Praxis war ja, dass sie nicht zu Hause stattfand und dass man am Morgen danach eh auschecken wollte. Ähnlich gering ist der Schaden bei Instagram: Weil die Plattform es ihren Kunden nicht zumuten will, dass Lieblingsfotos und Wutreden aus Versehen für immer verloren gehen, kann man das Löschen jederzeit wieder rückgängig machen. Accountlöschen ist also noch einen Tick bequemer als Hotelzimmerzertrümmern. Deshalb praktizierten es zuletzt – nur kurzzeitig – Justin Bieber, Kendall Jenner und Lindsay Lohan und genossen es, wie ihre Fans sie auf anderen, noch offenen Kanälen "bitte, bitte!!!" zurückhaben wollten.

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