Soziologie Wie entsteht Ideologie?

Warum denken wir alle gerne das, was die Mehrheit auch denkt? Warum fällt es uns oft nicht einmal auf, dass Wahrnehmung und Wirklichkeit gar nicht übereinstimmen, selbst wenn es doch so offensichtlich ist? Ein Versuch, die Macht der Ideologie zu erklären. Von
ZEITmagazin Nr. 22/2018

Warum sehen Menschen Dinge, die es nicht gibt? Solomon Asch erzählte von seiner Kindheit in Polen. Als er sieben Jahre alt war, im Jahr 1914, durfte er mit seiner jüdischen Familie den Vorabend des Passahfestes feiern. Seine Großmutter schenkte jedem Verwandten Wein ein und stellte ein weiteres gefülltes Glas auf den Tisch. Für wen das sei, fragte der Junge. Für den Propheten Elias, antwortete ein Onkel.

"Trinkt er wirklich daraus?"

"Oh ja", sagte der Onkel. "Du wirst es schon sehen."

Voller Erwartung schaute das Kind auf das Glas – und war sich sicher, zu beobachten, wie der Spiegel darin wie von selbst um eine Winzigkeit sank.

Als die Wehrmacht sein Land überrannte und die Nazis die Juden ermordeten, war die Familie nach New York emigriert; Asch verdiente sein Geld als Sozialpsychologe. Im Jahr 1951 gelang ihm ein bahnbrechendes Experiment. Es erklärte, warum Menschen so oft der durchsichtigsten Propaganda erliegen – und Aschs eigenes Kindheitserlebnis.

Der Versuch bestand schlicht darin, nach der Länge von Linien zu fragen. Die Probanden bekamen ein Kärtchen, auf dem oben ein Strich und darunter eine Auswahl von drei weiteren Strichen aufgedruckt waren. Einer der drei unteren Striche war offensichtlich genauso lang wie der obere, einer länger, einer kürzer. Die Versuchspersonen mussten lediglich den zum oberen Strich passenden nennen. Allein vor diese simple Aufgabe gestellt, gab jeder die richtige Antwort.

Dann allerdings brachte Asch die Teilnehmer in Gruppen zusammen. Jede Gruppe bestand aus einer Versuchsperson und sieben Helfern, die Asch ohne Wissen der Probanden instruiert hatte. Die Helfer begannen nun einstimmig und im Brustton der Überzeugung, falsche Antworten zu geben. Kurze Striche nannten sie lang, lange kurz. Und die nichts ahnenden Versuchspersonen? Schlossen sich an. Dieselben Probanden, die vorher, ohne zu zögern, die Linien vor ihren Augen richtig zuordnen konnten, erklärten jetzt Striche, die nach ein paar Fingerbreiten endeten, für länger als solche, die sich fast über die ganze Seite erstreckten. Nicht einmal jede vierte Versuchsperson schaffte es, dem unsinnigen Zureden der Helfer zu widerstehen (wir haben das Experiment für unsere Titelseiten illustriert). Asch erklärte sich die Realitätsverweigerung mit der Angst vor einer abweichenden Meinung. In Interviews erzählten ihm Versuchspersonen, sie hätten angesichts der so überzeugend vorgetragenen Urteile der Helfer an ihrer eigenen Wahrnehmung gezweifelt. Andere behaupteten, sie hätten sehr wohl den Irrtum der anderen bemerkt, diesen aber nicht die Stimmung verderben wollen. Manche Probanden gestanden sogar, sie seien grundsätzlich davon überzeugt, dass mit ihnen etwas nicht stimme. Wenn Mitmenschen nun sogar die Länge von Strichen anders einschätzten als sie, fühlten sich diese Teilnehmer einmal mehr darin bestätigt, im Kopf nicht richtig zu sein.

Asch trieb viel mehr um als nur die Suche nach einer Merkwürdigkeit menschlichen Verhaltens. Er wollte verstehen, was während der Jahre der Naziherrschaft in Deutschland vorgefallen war. Wie war es möglich, dass Millionen Deutsche sich von so mühelos erkennbaren Propagandalügen einfangen ließen? Auch gutwillige Bürger schienen keine Schwierigkeiten damit zu haben, in ihren jüdischen Nachbarn, die nie jemandem ein Haar gekrümmt hatten, gefährliche Untermenschen zu sehen. Und als die alliierten Bomber längst ihre Städte zerstört hatten, waren viele noch immer bereit, an den angeblich größten Feldherrn aller Zeiten zu glauben und für den Endsieg zu leiden.

Mit dem Realitätssinn ist es so eine Sache. Wer begegnet zum Beispiel ständig verschleierten Frauen? Ich jedenfalls nicht, obwohl ich in Berlin lebe und mich häufig in Neukölln, im Wedding und in anderen muslimisch geprägten Vierteln herumtreibe. Sehr selten, vielleicht einmal alle acht Wochen, kreuzt eine Frau meinen Weg, die ihr Haar und ihren Mund mit einem Nikab genannten Tuch verdeckt hat. Eine Burka, also einen Ganzkörperschleier, bei dem das ganze Gesicht hinter einem Stoffgitter verschwindet, habe ich nie gesehen. Das ist auch kein Wunder. Nach Auskunft von Islamexperten werden solche Kleidungsstücke ausschließlich in Afghanistan und einigen Regionen Usbekistans, Tadschikistans und Pakistans getragen.

Dennoch fühlen sich offenbar so viele Menschen in Deutschland von verschleierten Frauen bedroht, dass der Bundestag 2017 mit den Stimmen der großen Koalition ein Gesetz beschlossen hat, das von deutschen Beamten, Soldaten und Richtern verlangt, "bei Ausübung ihres Dienstes oder bei Tätigkeiten mit unmittelbarem Dienstbezug ihr Gesicht nicht verhüllen". Von den Medien wurde es "Burkagesetz" genannt. Als ein grüner Abgeordneter in einer parlamentarischen Anfrage von der Regierung erfahren wollte, ob es Statistiken über Frauen mit Burkas gebe, musste das Kabinett passen: "Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse über die Anzahl von Burkaträgerinnen in Deutschland vor." Laut einer Recherche des Bayerischen Rundfunks konnte in den Innenministerien von Bund und Ländern niemand einen Fall nennen, in dem eine Beamtin ihren Beruf vollverschleiert ausgeübt hätte. Obwohl niemand wusste, was eigentlich zu regeln war, trat das "Gesetz zu bereichsspezifischen Regelungen der Gesichtsverhüllung" am 15. Juni 2017 in Kraft.

Um solch postfaktische Gesetzgebung zu verstehen, hilft ein Blick in Meinungsumfragen. Nach einer im Jahr 2015 veröffentlichten Erhebung der Bertelsmann Stiftung stimmen 57 Prozent der nichtmuslimischen Bewohner Deutschlands der Aussage zu: "Der Islam ist bedrohlich." Und die Deutschen fühlen sich offenbar nicht nur bedroht, sondern auch umstellt. Als das Meinungsforschungsinstitut Ipsos im Jahr 2016 bat, zu schätzen, welcher Anteil der Mitbürger sich zum Islam bekenne, war die Antwort im Durchschnitt: 21 Prozent. Wie viele Muslime leben wirklich in Deutschland? Da der Islam keine Kirchenzugehörigkeit kennt, gibt es unterschiedliche Zahlen, abhängig davon, wen man als "Muslim" bezeichnet. Nach Berechnungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge waren es Ende 2015 fünf bis sechs Prozent der Bevölkerung. Eine Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kam 2018 auf 4,3 Prozent.

So fallen Wahrnehmung und Wirklichkeit immer weiter auseinander. Die Verleugnung des Offensichtlichen ist allerdings keine rein deutsche Erscheinung. Die amerikanischen Wähler haben der Welt das Rätsel aufgegeben, wie man einem Mann, der persönlich und mit seinen Firmen in nicht weniger als 3.500 Gerichtsverfahren verstrickt war, abnehmen konnte, als Präsident alles zum Wohl seines Landes zu tun. In Großbritannien steht das Mysterium im Raum, weshalb sich die Bevölkerung gegen alle bekannten wirtschaftlichen Tatsachen und gegen die eigenen Interessen für den Brexit entschied. Immer häufiger werden Fakten durch gefühlte Wahrheiten ersetzt, die als Grundlage weitreichender Entscheidungen und sogar von Gesetzen herhalten müssen.

Zwar hatten Menschen in Gruppen seit je ein gespaltenes Verhältnis zur Realität. Nicht nur die von Solomon Asch untersuchte Nazi-Propaganda, auch alle Börsenmanien von der Spekulation auf steigende Preise für Tulpenzwiebeln in den Niederlanden des 16. Jahrhunderts bis zur 2007 geplatzten Subprime-Blase beruhten letztlich darauf, dass die Beteiligten einander eine alternative Wirklichkeit suggerierten.

Diese Schwäche der menschlichen Natur versuchen Stimmungsmacher aller Couleur für sich zu nutzen. Umweltorganisationen trugen mit ihren Kampagnen dazu bei, dass sich 67 Prozent der Verbraucher in Deutschland über gentechnisch veränderte Lebensmittel "beunruhigt" zeigen. So viel Angst beeindruckte sogar das traditionell von Konservativen geführte Bundeslandwirtschaftsministerium. Seit 2009 ist jeder Anbau von genveränderten Pflanzen in Deutschland faktisch verboten. Dabei gibt es auch nach drei Jahrzehnten Forschung keinen belastbaren Hinweis darauf, dass genveränderte Pflanzen der Gesundheit mehr schaden als die herkömmliche Landwirtschaft. In den letzten Jahren allerdings manipulierte niemand den menschlichen Konformismus annähernd so wirksam wie die populistische Rechte. Mit Begründungen sind die Deuter in Zeitungskolumnen und Talkshows schnell bei der Hand. Sie verweisen etwa darauf, dass die Deutschen mit der Globalisierung fremdeln und daher um ihre Kultur fürchten oder dass Facebook und Co. als Dreckschleudern von teuflischer Präzision Donald Trump an die Macht gebracht haben.

All das mag zutreffen, geht aber an der eigentlichen Frage vorbei: Wie kommen die Menschen zu Überzeugungen, von denen sie sich auch mit guten Argumenten nicht mehr abbringen lassen? Warum sind sie so anfällig für Ideologien?

Wie gelangt jemand etwa zur Vorstellung, dass jeder fünfte Einwohner in Deutschland ein Muslim sei? Aschs Experiment bietet für solche Realitätsferne eine Erklärung. Wer beispielsweise nur oft genug hört, dass Scharen verschleierter Frauen unser Zusammenleben bedrohen, wird diese Auffassung vertreten, auch wenn er nie einer solchen Frau begegnet ist. Asch vermutete allerdings, dass seine Versuchspersonen sich nur vorsichtshalber einer herrschenden Meinung anschlossen – während sie eigentlich wussten oder zumindest ahnten, dass etwas nicht stimmt. Sozialpsychologen nennen diesen Zustand "kognitive Dissonanz": Die Probanden wollten demnach einer unangenehmen Spannung entfliehen, entstanden aus der Kluft zwischen dem, was sie wissen, und dem, was sie sagen.

Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

.....wenigstens andere Artikel der Zeit zu lesen, und am besten auch noch mit anderen Quellen vergleichen.

Richtig, aber leider kann das auch nicht ausreichen, um "die Wahrheit" herauszubekommen, vor allem dann, wenn, wie so häufig, die andere Quellen ein Kartell des Mainstreams bilden, welches anderweitiges Denken kaum zulässt, ignoriert oder gar diffamiert.

Wir sollten uns im Klaren sein, dass wir trotz Bemühens und trotz einer scheinbar pluralistischen Presse in einer freien Demokratie von Anfang bis zum Ende manipuliert werden. Nur meistens merken wir es nicht.