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Kathrin Weßling: "Freitags habe ich mich oft allein betrunken"

Kathrin Weßling litt an ADHS und an Depressionen – erst als sie ihren Job kündigte, ging es ihr besser. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 22/2018

ZEITmagazin: Frau Weßling, Ihr neues Buch "Super, und dir?" handelt von einer jungen Frau, die an ihrem Job kaputtgeht. Sie selbst haben 2017 Ihre Anstellung in einer Redaktion gekündigt. War Ihr Job auch so schlimm?

Kathrin Weßling: Meine Kündigung war tatsächlich meine Rettung. Vorher hatte ich extreme Probleme, ich war dauernd krank. Danach habe ich einen Monat nur geschlafen. Dann hat sich mein Leben komplett verändert, auch meine Arbeitseinstellung.

ZEITmagazin: Wie war die?

Weßling: Preußisch, aber Erwartungshaltung und Performance lagen weit auseinander. Meine Erwartung war, dass ich 120 Prozent gebe, am besten nine to nine, und krass Karriere mache. Aber ich hatte schon als Kind stark ADHS und deshalb große Probleme mit Zeitmanagement. Meine Leistungen haben schon in der Schule extrem geschwankt.

ZEITmagazin: Wie fühlt sich ADHS an?

Weßling: Ich habe es mal Kirmes im Kopf genannt. Alles ist permanent extrem laut und viel. Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ist eigentlich das falsche Wort – es ist nicht so, dass wir nicht aufmerksam sein können, sondern dass wir uns nicht entscheiden können, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten sollen. Mittlerweile, durch Medikamente und Lebensumstellung, kann ich das besser. Davor war das so, als würde mein Kopf 17 Stunden am Tag laut schreien. Deshalb habe ich mit 30 das alles überprüfen lassen, ich dachte, ich kann keinen Tag so weiterleben. Auch die Depressionen, die ich immer hatte, waren die Folge von ADHS, weil das Gehirn irgendwann total runterfährt. Nach jenem Test ist die Entscheidung gereift, dass ich nicht in einem Großraumbüro arbeiten kann, im Newsroom mit 20 Fernsehern und ständigem Geschreie. Meine gesunden Kollegen strengt das schon unheimlich an. Ich war ein Wrack.

ZEITmagazin: Wie sah ein Tag in Ihrem früheren Leben aus?

Weßling: Meistens bin ich mit einem Schrecken aufgewacht, weil ich wahnsinnig Angst hatte zu verschlafen, und habe sofort aufs Handy geguckt, was in der Nacht in der Welt passiert ist. Beim Schminken – das waren die einzigen zehn Minuten am Tag, in denen ich nicht aufs Handy geguckt habe – hab ich laut Tagesschau laufen lassen. Dann hab ich mir Kaffee geholt, natürlich nie gefrühstückt, im Bus die ganze Zeit Panik, dass er stecken bleibt – ehrlich gesagt war ich schon fertig, wenn ich in der Redaktion ankam. Und dann bis abends durchhalten. Freitags habe ich mich oft allein betrunken und dann das Wochenende in einer Art Koma verbracht. Ich konnte mich einfach nicht noch mit Leuten unterhalten. Am schlimmsten war dann vorletztes Jahr mein Geburtstag. Wie die Hauptfigur in meinem Buch bin ich nicht ans Telefon, bis meine Freunde quasi in meine Wohnung eingebrochen sind.

ZEITmagazin: War das der Moment, als Sie dachten, so geht das nicht?

Weßling: Ja, meine beiden besten Freundinnen haben geweint, weil sie nicht mehr wussten, was sie mit mir machen sollten. Es tut sehr weh, wenn man Menschen, die einen mögen, so vor den Kopf stößt. Da ist mir klar geworden, was für einen Eindruck ich mache.

ZEITmagazin: War Ihr Chef so fies wie der Chef im Buch?

Weßling: Überhaupt nicht, mein Chef hat alles versucht, mir ein Umfeld zu schaffen, in dem ich bestehen kann. Aber ich passe da einfach nicht rein und habe viel zu lange versucht reinzupassen.

ZEITmagazin: Hatten Sie keine Angst, als Sie Ihre Festanstellung aufgegeben haben?

Weßling: Als ich wusste, dass ich kündigen werde, habe ich mich darauf eingerichtet, mit 900 Euro auszukommen. Ich habe alles gekündigt, zum Beispiel viele teure Handy-Apps, die mir geholfen haben, möglichst optimiert zu leben. Und ich bin aus meinem Loft in eine Einzimmerwohnung gezogen, das allerletzte Loch – und trotzdem habe ich mich besser gefühlt.

ZEITmagazin: Worin besteht Ihre Arbeit heute?

Weßling: Mein Geschäftspartner und ich beraten Redaktionen, Verlage und Autoren, wie sie ihre Social-Media-Aktivitäten, also Twitter, Facebook und Instagram, am besten koordinieren können und wie sie aus dem Material, das sie haben, das Beste rausholen können. Oft gehe ich mit meinem Partner, der auch mein bester Freund ist, zum Arbeiten in ein Café oder in einen Park, und tatsächlich funktioniert das tausendmal besser – wir sind viel produktiver, wenn wir nicht im Büro sind. Dann fahr ich nach Hause und trink mit meiner WG ein Bier oder treffe mich mit Freunden oder gucke Netflix – aber das mache ich selten, weil das der Anfang von erneuter Isolation wäre.

ZEITmagazin: Sind Sie jetzt glücklicher als vor eineinhalb Jahren?

Weßling: Ja. Ungefähr acht Millionen Mal.

Das Gespräch führte Christine Meffert. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, und Khuê Phạm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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