Die großen Fragen der Liebe: Darf sie der "lonesome rider" bleiben?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 22/2018

Die Frage: Frauke kennt Mario schon seit Jahren. Er arbeitet als Trainer und Reitlehrer in dem Stall, in dem auch ihr Pferd steht. Früher hat sie gelegentlich eine Stunde bei ihm genommen, inzwischen sitzen sie am Abend öfter zusammen, gute Freunde, mehr nicht. Mario ist Single, Frauke beruflich sehr engagiert und mit einem verheirateten Kollegen liiert. An einem Abend kommen sie von den Pferden auf die Menschen und einander näher. Bald sind sie unzertrennlich, sie sprechen über Schwangerschaft, eine gemeinsame Wohnung, warum eigentlich nicht? Dann überrascht Mario Frauke mit einer Flasche Champagner, einem Ring und einem Heiratsantrag. Frauke ist verwirrt und gerührt in einem. "Ja – aber nur wenn ich der 'lonesome rider' bleiben darf!", sagt sie zögernd.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Mario sollte sich nicht aus dem Konzept bringen lassen. Auf den ersten Blick wirkt es paradox, auf Hochzeitswerben mit der Saga vom lonesome cowgirl zu reagieren. Aber eine stolze Reiterin, die zufrieden nach Hause kommt, macht eine glücklichere Ehe als die perfekte Hausfrau, die Kinder hütet und ihrem Mann ein Menü kocht, aber insgeheim ihrem Mustang und der Prärie nachtrauert. Vielleicht hat Marios zwar romantische, aber auch konservative Geste in Frauke die Fantasie ausgelöst, er suche ein Heimchen am Herd. Dagegen richtet sich ihr Appell. Wenn Frauke ankündigt, dass sie ihren Freiraum behalten will, zeigt das vor allem ihr Vertrauen in Marios Dialogfähigkeit. Er wird auf die Probe gestellt, ob er Fraukes Autonomie ohne Misstrauen respektieren kann – und ihm wird indirekt versprochen, dass er es ihr gleichtun darf.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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