Oliver Masucci "Ich hätte damals gern Müller oder Meier geheißen"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 22/2018

Mit 18 hatte ich einen Traum, an den ich mich heute noch deutlich erinnere: Mein Kumpel Jörg und ich werden von Ganoven in Nadelstreifenanzügen gejagt, die mit Maschinengewehren bewaffnet sind. Sie verfolgen uns mit Autos und Hubschraubern, das komplette Programm. Auf unserer Flucht landen wir in einem Club. Die Mafia-Typen sind uns auf den Fersen. Wir mischen uns unter die Gäste und verstecken uns schließlich auf der Toilette. Die Lage spitzt sich zu. Schritte nähern sich, uns steht der Angstschweiß auf der Stirn, ich sehe dem Tod ins Auge. In diesem Moment fordert mich Jörg auf, genau aufzupassen. Er drückt auf die Spülung, springt rückwärts ins Klo und verschwindet. Ich mache es ihm nach – und gelange durch ein kanalartiges System in einen Fluss. Wir haben unsere Verfolger abgehängt und sind in Sicherheit.

Was mir dieser Traum sagen wollte, war mir damals schnell klar: Es gibt immer einen Ausweg, auch wenn ich das mit 18 noch nicht so wahrgenommen hatte. Ich war gerade mit der Schule fertig, plötzlich war so vieles offen. In dem Traum ging es auch um meine Zukunft als Schauspieler. Mein Umfeld hatte mich in diesem Wunsch nicht sonderlich bestärkt. Nur meine Deutschlehrerin ermutigte mich, am Schultheater in der Dreigroschenoper mitzuspielen. Auf der Bühne zu stehen, habe ich wahnsinnig genossen, denn in meiner Klasse hatte ich mich immer ausgegrenzt gefühlt. Mein Vater war Italiener, dadurch war ich das Ausländerkind. Mein Nachname wurde immer falsch ausgesprochen, obwohl ich auch meine Lehrer jedes Mal korrigierte. Ich hätte damals gern Müller oder Meier geheißen. Die Schönheit meines Namens anzunehmen, habe ich erst an der Schauspielschule gelernt.

Dass ich dann nach vielen Jahren am Theater in einem Kinofilm Adolf Hitler spielen sollte, war für mich alles andere als ein Traum. Ich war richtig empört, als ich die Einladung zum Casting erhielt. Ich dachte: Hitler bin ich doch gar nicht! Aber dann stehst du vor dem Spiegel, ziehst dir einen Scheitel, klebst dir einen Bart an, und auf einmal bin ich, der Italiener, Hitler. Das war schon eine surreale Erfahrung.

Ein Erlebnis, das mich noch heute bis in meine Träume begleitet, ist ein Unfall, den ich als Kind hatte. Ich war damals neun und hatte mein Sparschwein geplündert, um mir Schokolade zu kaufen. Ich fuhr mit dem Fahrrad zum Laden, an einer Kreuzung erwischte mich ein Auto, und ich flog wie in Zeitlupe durch die Luft. Das Geld fiel aus meinen Taschen, ich prallte auf dem Asphalt auf. Die Münzen rollten über die Straße – dieses Geräusch höre ich heute noch in meinen Träumen. Ich erinnere mich, wie meine Mutter heulend angerannt kam. Ich lag auf dem Boden, alle blickten mich besorgt an. Das Auto hatte eine Beule, mein Fahrrad war kaputt, aber mir war zum Glück nichts passiert.

Nach diesem Unfall bin ich weiterhin Fahrrad gefahren. Nur zurzeit geht es nicht: Ich hatte drei Fahrräder, die wurden mir alle geklaut.

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