Peter Schwenkow "Halleluja, habe ich rumgeprotzt!"

Er ist einer der erfolgreichsten Konzertunternehmer der Welt: Seit 40 Jahren bringt Peter Schwenkow Superstars wie die Rolling Stones, Barbra Streisand und Rod Stewart auf die Bühne. Hier erzählt er von Bordellbesuchen, einer historischen Aktion mit David Bowie – und erstmals von seinem persönlichen Drama am Rande des Ruins. Interview:
ZEITmagazin Nr. 22/2018

ZEITmagazin: Herr Schwenkow, als Konzertveranstalter haben Sie in den vergangenen 40 Jahren mit Hunderten von Künstlern und Künstlerinnen zusammengearbeitet. Welchen drei fühlen Sie sich besonders verbunden?

Peter Schwenkow: Sicherlich André Heller, dessen Shows ich viele Jahre lang produziert habe. Mit Anna Netrebko begann die Renaissance der Klassik als Teil meines Unternehmens. Und dann gehören, aus ganz vielen Gründen, die Rolling Stones dazu. Sie waren zweimal meine Lebensversicherung: erst beim Börsengang 1998 – wir wurden nicht umsonst "die Rolling-Stones-Aktie" genannt. Und als das Unternehmen später auf der Kippe stand, haben die Tourneen der Stones uns sehr geholfen.

ZEITmagazin: Über die Krise Ihres Unternehmens werden wir noch sprechen. Im Laufe der Jahre haben Sie fünf Tourneen der Rolling Stones organisiert. Nach der wievielten hat Keith Richards Sie gegrüßt?

Schwenkow: Gar nicht. Während der dritten Tournee habe ich allerdings einmal mit Keith Richards Snooker gespielt. Damals dachte ich, der weiß, wer ich bin, war aber nicht so. Als wir 20 Minuten gespielt hatten, sagte er: "Hey, du spielst gar nicht so schlecht. Was machst du denn hier sonst so?" Und ich sagte: "I’m Peter, your promoter."

ZEITmagazin: Wie kommt man dazu, mit Keith Richards eine Partie Snooker zu spielen?

Schwenkow: Die Rolling Stones haben im Backstage-Bereich immer sogenannte Leisure-Zones. Es gibt die Zone, wo alle mit einem Backstage-Pass herumlaufen können, und dann gibt es eine Zone, in der die Leute mit den besseren Pässen rumlaufen können. Und irgendwann kommst du zu einem Triple-A-Pass, "Access All Areas", da kommst du überall rein, eben auch in die Leisure-Zone der Band. Wenn du da erst mal drin bist, gehörst du irgendwie zur Familie. Dann kannst du da herumstehen, was trinken und eben auch mal eine Runde Snooker spielen.

ZEITmagazin: Sind Sie aus so einer Zone auch schon mal rausgeflogen, weil die Stars ihre Ruhe haben wollten?

Schwenkow: Nein. Denn ich bin von meinen Eltern gut erzogen worden und habe mich noch nie danebenbenommen.

ZEITmagazin: Apropos gutes Benehmen: Was machen Superstars nach ihren Auftritten? Wo fahren sie hin? Und dürfen Sie mitkommen?

Schwenkow: Oft geht man mit. Manchmal wollen die aber auch unter sich sein. Ich bin ja immer froh, wenn ich abends nach Hause komme. Das ist jedenfalls heute so, war aber nicht immer der Fall.

ZEITmagazin: Wie war es denn früher?

Schwenkow: Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger war ich Stammgast in dem damals exquisitesten Bordell Berlins. Es war zu der Zeit üblich, nach den Konzerten zusammen in den Puff zu gehen. Die Tradition war, dass man das am Premierenabend, zum Bergfest oder zur Beendigung einer Tournee tat. Ich kannte jede der Damen, weil ich immer am Tresen saß, mich mit ihnen unterhalten habe und dann immer als Letzter ging, weil ich zahlen musste. Das war mein Job. Bevor Sie nachhaken: Mich kriegte da keine in die Kiste, und die Mädels wussten irgendwann, dass es gar keinen Sinn hat, das zu versuchen. Im Ernst! Ich war derjenige, der hinterher abzählen musste, hattest du ein, zwei oder drei Flaschen Champagner, mit einer oder zwei Frauen? Da musste ich nüchtern bleiben bis zum Schluss.

ZEITmagazin: Können Sie den Laden nennen?

Schwenkow: Kann ich nicht. Man rief da kurz vorher an und sagte: "Pass auf, wir kommen nachher vorbei mit der ganzen Mannschaft."

ZEITmagazin: Was war der bisher irrste Wunsch, den Sie einem Star erfüllen mussten?

Schwenkow: Kann ich nicht erzählen.

ZEITmagazin: Der zweitirrste?

Schwenkow: Auch nicht. Ich würde sagen, die ersten zwanzig irren Geschichten kann ich nicht erzählen.

ZEITmagazin: Dann bitte die 21. irre Geschichte.

Schwenkow: Das ist eine, bei der ich beinahe zu Tode gekommen wäre – gemeinsam mit Herbert Grönemeyer. 1991 flogen wir nach einer Pressekonferenz gemeinsam mit dem Hubschrauber zurück nach Berlin. Wir hatten es eilig, und Herbert, der sich bis dahin aus panischer Angst immer geweigert hatte, Hubschrauber zu fliegen, saß vorn im Cockpit. Ich saß mit seinem damaligen Manager hinten. Vorn gab es so eine kleine gelbe Kontrolllampe, da stand fuel drauf, und die fing auf einmal an zu blinken. Der Pilot sagte: "Das heißt nur, dass wir bald mal tanken müssen." Noch außerhalb von Berlin schaltete die Anzeige von blinkend auf gelbes Dauerlicht um, dazu gab es einen schrillen Ton. Der Pilot sagte dann per Funk: "Emergency, wir müssen jetzt landen." Wir bekamen die Genehmigung, ganz schnell nach Tempelhof zu fliegen. Auf dem Weg dahin wurde das Licht rot, wir hatten keinen Sprit mehr. Um einen Absturz zu vermeiden, sind wir in Zehlendorf auf der einzigen Grünfläche, die der Pilot dort sah, notgelandet – auf einem Hundeübungsplatz. Und so fanden wir uns in einem Hundezwinger mit einer zwei Meter hohen Umzäunung wieder. Wir sind dann über den Zaun geklettert, und Herbert schwor, nie wieder in einen Helikopter zu steigen. Mit dem Taxi sind wir in mein Büro gefahren und haben darauf angestoßen, dass wir überlebt hatten.

ZEITmagazin: Wie sind Sie eigentlich zum Konzertveranstalter geworden?

Schwenkow: Nach dem Abitur habe ich erste Erfahrungen als Tourneeleiter gemacht, von Mike Krüger und Tangerine Dream bis zu dem Jazz-Gitarristen Larry Coryell. Mit 22 bin ich zum Studium nach Berlin gegangen und habe dort bei der Konzertdirektion Jänicke gejobbt. Zwei Jahre später, 1978, habe ich mich mit Concert Concept selbstständig gemacht. Unser erster großer Erfolg war, dass wir 1981 die Berliner Waldbühne übernahmen.

ZEITmagazin: Und wie wird man zum Tourneeveranstalter von Barbra Streisand? Wird man da empfohlen, muss man sich bewerben?

Schwenkow: Bei Barbra Streisand war es so, dass ich viele Jahre zuvor einmal Marty Erlichman getroffen hatte. Der Mann hat Barbra Streisand entdeckt und war 50 Jahre lang ihr Manager, ein toller Typ. Als es dann Jahre später hieß, Barbra Streisand kommt auf Tournee nach Europa, bin ich gleich losgelaufen, um mit Marty zu sprechen. Er sagte mir, als Jüdin würde Streisand niemals in Deutschland singen. Ich sagte ihm: "Es wäre aber in Berlin, und zwar in der Waldbühne, gebaut zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 1936, der Nazi-Olympiade." Er sagte dann, sinngemäß: "Das ist so verrückt, dass wir uns das mal überlegen." Und dann hat es tatsächlich geklappt.

ZEITmagazin: Warum geht jemand wie Barbra Streisand überhaupt noch auf Tournee?

Schwenkow: Weil sie das Geld wieder einspielen muss, das sie mit ihren Filmen verliert. Jedenfalls war das damals so.

ZEITmagazin: Wenn Sie heute zurückblicken auf Ihre 40 Jahre im Konzertgeschäft: Was hat sich verändert im Verhältnis zwischen Künstlern, Veranstaltern und Publikum?

Schwenkow: Heute gilt: Eine Eintrittskarte ist ein Versprechen, und das muss gehalten werden. Vor 40 Jahren hat sich darum niemand geschert. Wenn zu wenig Karten verkauft wurden, fiel das Konzert eben aus, und der Künstler bekam kein Geld.

ZEITmagazin: Wie verkauft man ein Versprechen?

Schwenkow: Auf jeden Fall unter sehr erschwerten Bedingungen. Wenn du ins Kaufhaus gehst und dir einen Föhn kaufst, zahlst du 29,90 Euro, du weißt, du hast drei Gebläsestufen bis zu 1200 Watt, und dann kriegst du noch eine Garantiekarte dazu. Wenn du dir eine Eintrittskarte kaufst, kriegst du für dein Geld eine Karte, hast aber das Konzert noch lange nicht, weißt auch nicht, wie es wird, mehr noch: Es muss erst mal stattfinden. Das Versprechen meint: Das Konzert findet statt, egal, ob der Veranstalter damit Geld verdient oder verliert.

ZEITmagazin: Aber das Versprechen wird gebrochen, wenn der Künstler nicht da ist.

Schwenkow: Ja, dann ist der Künstler aber wirklich todkrank, das muss dann bewiesen werden. Und für diesen Fall sind wir heutzutage alle gut versichert. Es gab aber auch Künstler, die man nicht mehr versichern konnte.

ZEITmagazin: Zum Beispiel?

Schwenkow: Luciano Pavarotti konnte man zum Schluss nicht mehr versichern.

ZEITmagazin: Weshalb?

Schwenkow: Weil drei Viertel seiner Konzerte ausfielen. Seine Stimme machte einfach nicht mehr mit.

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