Fransen: Ausgefranst

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 23/2018

In diesem Sommer flattert bei einigen Marken kräftig was um die Beine. Bei Calvin Klein Collection etwa sehen wir ein Kleid, das hauptsächlich aus Woll- und Kunststofffransen zu bestehen scheint. Auch Paco Rabanne und Céline haben Röcke in der Kollektion, die deutlich an Hula-Röcke erinnern – also Baströcke der Hula-Tänzerinnen aus Hawaii. Auch H&M bietet sie an.

In der Mode achtet man heute immer mehr darauf, ethisch korrekt aufzutreten. Man verwendet kein Schlangenleder und keinen Pelz. Man betont Diversität und vermeidet Geschlechter-Stereotype. Doch sobald es darum geht, etwas Exotik in eine Kollektion zu bringen, werden die allerabgeschmacktesten Südsee-Klischees hervorgekramt. Obwohl es sich oft tatsächlich lohnen würde, die Geschichte eines Kleidungsstückes zu studieren, bevor man es in der Mode neu auflegt.

Hula, der erzählende Tanz der Hawaii-Inselgruppe, wird meist gar nicht in Baströcken, sondern in bunten Baumwollröcken oder langen Kleidern getanzt. Die langen Baströcke schreibt man den Hawaiianern also fälschlicherweise zu. Jene fransigen, aus Bast gefertigten Röcke waren vielmehr auf dem Inselreich von Tahiti verbreitet, wo traditionell ein Tanz namens Otea getanzt wird. Ursprünglich war er männlichen Kriegern vorbehalten, später praktizierten ihn auch Frauen. Wie Hula ist auch Otea ein erzählender Tanz. Da man auf Tahiti keine Schriftsprache pflegte, bildeten die Tänze die wichtigste Form der traditionellen Überlieferung. Die gesamte Geschichte der Inselvölker ist im Tanz weitergegeben worden.

Der tahitianische Otea besteht aus schnellen, kraftvollen Hüftbewegungen, die ein wenig an den orientalischen Bauchtanz erinnern. Deshalb war er den christlichen Missionaren, die mit den Kolonialmächten nach Polynesien kamen, ein Graus. Im 19. Jahrhundert wurden die tahitianischen Tänze zusammen mit Nacktheit und Tattoos von den Missionaren verboten und verschwanden. Somit wurde das kulturelle Erbe dieser Gesellschaften in eine Form gepresst, die den Moralvorstellungen von einigen weißen Männern entsprach. Erst in den 1950er Jahren sind die Tänze wiederentdeckt worden – als erotisch-romantische Südseefantasie, rekonstruiert aus den Aufzeichnungen von Südseefahrern.

Der Bastrock war einst ein wichtiges Element zur Bewahrung der kulturellen Identität der polynesischen Inselvölker. Heute kann er leider keine Geschichten mehr erzählen, auch wenn man ihn einen ganzen Sommer lang trägt.

Foto: Peter Langer / Ziemlich verfranst: Kleid von Calvin Klein Collection

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Den Erfolg von Mode vorherzusagen ist unsicherer als die Vorhersage, ob es weiße Weihnachten gibt. Hier will ich es aber einmal wagen und behaupte, das Fransenröcken kein Erfolg beschieden sein wird.

Mode ist oft unsinnig und unpraktisch, aber eine gewisse Praktikabilität und Tragbarkeit oder das Gefühl damit besser auszusehen, wird bei der heutigen Modevielfalt erwartet.

Fransen dürften außer im Karneval nur auf einer Vernissage oder Happening kaum getragen werden. Oder im Kindergarten.