Lin Hwai-min "Manchmal kann auch ein Tritt in den Hintern eine große Hilfe sein"

Der Choreograf Lin Hwai-min war ausgebrannt, reiste um die Welt. Eine Taxifahrt bewegte ihn zum Neuanfang. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 23/2018

ZEITmagazin: Herr Lin, gerade haben Sie in Wolfsburg den donnernden Beifall des deutschen Publikums für Ihr neues abendfüllendes Tanzstück "Formosa" entgegengenommen, Ihre 90. Choreografie in 45 Jahren. Jetzt sehen Sie zwar froh aus, aber Sie humpeln. Was ist passiert?

Lin Hwai-min: Keine Sorge, mir geht es gut. Ich hatte nur einen Autounfall, ein Van fuhr mich zu Hause in Taiwan nachts an, und dabei ging mein Knie zu Bruch.

ZEITmagazin: Ein Desaster in Ihrem Beruf!

Lin: Ja, aber nach weniger als zwei Wochen war ich wieder im Studio und habe choreografiert. Im Liegen! (lacht) Ich lag auf dem Rücken, und mein Bein hing in der Luft. Soll ich Ihnen mal etwas Gruseliges zeigen? (scrollt durch den Fotospeicher seines Handys, bis man einen Mann wie tot auf einer Straße liegen sieht) Das bin ich. (lacht) Die dramatischste Performance meines Lebens! Es war wirklich ein bisschen wie im Film: Der Krankenwagen, die Polizei, die besorgten Leute um mich herum – und ich konnte nicht aufstehen. Schmerzen hatte ich aber keine, und nachher schraubte ein sehr guter Operateur das Knie wieder zusammen. Alle sagen, ich hätte Glück gehabt.

ZEITmagazin: Was sagen Sie selbst?

Lin: Dass ich gesegnet bin. Ich kann laufen, ich komme die Treppe hoch, ich komme neuerdings sogar wieder runter. Und meine Tänzer waren beim Einstudieren noch nie so aufmerksam und konzentriert. So ein Unfall hat auch sein Gutes.

ZEITmagazin: Hatten Sie Angst, nie wieder vortanzen zu können?

Lin: Nein. Ich tue, was ich kann. Ich akzeptiere, was passiert. Ich mache einfach weiter.

ZEITmagazin: Ist es das, was man sich als Tänzer antrainiert: Stoizismus?

Lin: Meine Devise lautet: Solange du arbeiten kannst, arbeite, so viel du kannst. Aber wenn du wirklich eine Pause brauchst, mach Pause. Ich hatte mein Tempo ohnehin gedrosselt beim Produzieren des neuen Stücks, denn es wird wohl mein letztes sein. Fünf große Produktionen konnten wir in den letzten Jahren allein beim Festival Movimentos in Wolfsburg zeigen, das wird mir fehlen. Ich habe bereits angekündigt, dass ich Ende kommenden Jahres in Rente gehe. 2020 bin ich ein freier Mann.

ZEITmagazin: Fürchten Sie sich nicht vor dieser Freiheit?

Lin: Ich habe meinen Nachfolger schon bestimmt, denn ich wollte nicht, dass es uns ergeht wie anderen Modern Dance Companies, die mit ihrem Gründer gestorben sind, wie die von Merce Cunningham oder Trisha Brown. Und ich will selber miterleben, wie es ohne mich weitergeht.

ZEITmagazin: Ihr Cloud Gate Dance Theatre in Taiwan ist eines der größten Tanzensembles der Welt.

Lin: Das zweitgrößte für modernen Tanz, nach dem von Alvin Ailey in New York. Angefangen haben wir bei null, denn es gab kein solches Ensemble in Taiwan, und ich wollte eigentlich Schriftsteller werden. Dass wir 1973 loslegten, war fast schon eine Dummheit, aber ich bin in den Sechzigern aufgewachsen, und meine Generation glaubte, dass sie die Welt verändern müsse. Aufgetreten sind wir zuerst auf dem Land, vor Bauern, die bis heute unser strengstes Publikum sind: Wenn sie etwas nicht mögen, stehen sie einfach auf und gehen. Allerdings kommen zu unseren Open-Air-Performances mittlerweile bis zu 40.000 Menschen. Im November werden wir wieder inmitten eines riesigen Reisfelds auftreten – für mich ist das die schönste Bühne der Welt.

ZEITmagazin: Vor zehn Jahren sind Sie in ein neues Theaterhaus in New Taipeh City gezogen, es ist umgeben von einem Park. Ist die Natur Ihre Kraftquelle?

Lin: Der Buddhismus und die Natur. Vor der Eröffnung des neuen Theaters habe ich die Shoppingtour meines Lebens unternommen und mehr als 200 Bäume für den Park gekauft. Unser Haus hat 450 Sitze – aber entstanden ist es aus der Not, weil unser altes Domizil über Nacht abgebrannt war.

ZEITmagazin: Es war nicht Ihr erster Neustart. Zwischen 1988 und 1991 hatten Sie die Company aufgelöst. Warum?

Lin: Weil ich ausgebrannt war. Also ging ich auf Weltreise, in die USA, nach Indien, nach China. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich Zeit für mich. Als ich schließlich zurückkehrte, fragte mich ein taiwanesischer Taxifahrer vorwurfsvoll, warum ich die Company geschlossen hätte. Geduldig hörte er sich die Aufzählung all meiner Probleme an, aber bevor ich ausstieg, sagte er streng: Mr. Lin, jeder Job ist schwer. Taxifahren in Taipeh ist auch kein Spaß, der Lohn ist niedrig, es gibt viel Verkehr. Bitte, Mr. Lin, bringen Sie uns Ihr Ensemble zurück! Und das tat ich. Manchmal kann auch ein Tritt in den Hintern eine große Hilfe sein.

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

"Manchmal kann auch ein Tritt in den Hintern eine große Hilfe sein"

Lin Hwai-min.ein grossartiger künstler. nur wirkt er auf mich immer viel getriebener als er hier vorgeben mag.

ich kaufe ihm da so ein paar dinge nicht ab. weder den "freien mann" ab 2020" ab, noch die story mit dem taxifahrer so wirklich. auch wenn der dies so gesagt hat, ist hwai-min lediglich um seiner selbst willen nochmal an den start gegangen.
nicht das ich das alles schlimm fände.im gegenteil.seine besessenheit haben nicht viele.sie befähigt ihn dinge zu schaffen die andere nich schaffen können. aber es dürfte schon ein wenig mehr "echte innere nabelschau" sein, anstelle von zur schau getragenen zen-artigen sanftheit und nächstenliebe. egoismus gehört zu solchen künstlerischen lebensleistungen. und dessen darf man sich guten gewissens bekennen.

Lin Hwai-min wie er leibt und lebt. Nicht nur ein begnadeter Choreograph, manchmal ein sehr strenger, auch ein sehr liebenswürdiger, bescheidener Mensch. Mit seiner Rede für den Internationalen Tanztag in Paris hat mich sehr berührt.... Ich wusste nicht, dass er eine Affinität zur Schriftstellerei hat, jetzt verstehe ich es. Besten Dank für das exzellente Interview. Tobias Biancone, Direktor Internationales Theater-Institut ITI