© Neven Allgeier

Rechtsmedizin: War das Mord?

Wenn es aus dem Sarg rot heraustropft, war der Tod vielleicht doch nicht ganz so natürlich, wie der Hausarzt dachte. Ein Gespräch mit dem Frankfurter Rechtsmediziner Marcel A. Verhoff, der gerade daran arbeitet, die Leichenschau zu verbessern. Von

Eine Straße mit Villen südlich des Mains, Jugendstil, getrimmte Gärten. In der Kennedyallee Nummer 70 residiert ein Luxushotel, fünf Sterne mit Spa, ein paar Hundert Meter weiter, in Nummer 104, geht es weniger gemütlich zu. Ein großes Schild weist die Villa als Haus 44 der Uni-Klinik und als Institut für Rechtsmedizin aus. Hier werden im Keller Leichen obduziert, 650 im Jahr. Solche, bei denen die Todesursache unklar ist. Solche, bei denen es Mord gewesen sein könnte. Das Institut hat einen Hörsaal im Erdgeschoss, dort steht gerade Marcel A. Verhoff vor 40 Medizinstudenten. An die Wand hat er ein Foto projiziert. In Überlebensgröße ist die Brust eines Toten zu sehen, in deren linker Seite ein Messer steckt. Nur der Schaft ist noch zu sehen, die Klinge steckt tief im Fleisch des Mannes. Das Foto ist ein Original. "Natürlicher Tod" hat der Arzt bescheinigt. Ungläubige Lacher im Hörsaal.

Verhoff, 48, wollte erst Allgemeinarzt werden, dann Orthopäde. Im Studium machte er ein Praktikum in der Rechtsmedizin und wusste: Das ist es.

"Wie kann bei einer Leiche die Todesursache sicher herausgefunden werden?", hat Verhoff die Medizinstudenten zu Beginn der Vorlesung gefragt. "Obduzieren", antworteten diese. Und hier beginnt das Problem: In Deutschland wird nur noch gut ein Prozent aller Verstorbenen obduziert. Viel zu wenig, wenn es nach Rechtsmedizinern wie Verhoff geht.

In 99 Prozent aller Fälle entscheidet allein die Leichenschau des Arztes, also die äußere Untersuchung des Leichnams, wie ein Mensch ums Leben kam. Drei Möglichkeiten hat der Arzt auf dem Leichenschauschein zur Auswahl:

Natürlicher Tod.

Nicht natürlicher Tod.

Ungeklärte Todesart.

Nun wäre es naheliegend, dass ein Arzt bei einem Toten mit einem Messer in der Brust auf einen nicht natürlichen Tod setzt. Der Fall zeigt auf drastische Weise, was Verhoff und viele seiner Kollegen der Rechtsmedizin umtreibt: dass bei der Leichenschau vielleicht nicht gut genug hingeschaut wird. Und dass deshalb Morde übersehen werden.

ZEITmagazin: Professor Verhoff, Frankfurt führt wieder einmal die Kriminalstatistik an. Ist es hier besonders gefährlich?

Marcel A. Verhoff: Frankfurt, die Stadt des Verbrechens, jaja. Ich bin da vorsichtig. Eine hohe Anzahl von Straftaten könnte auch bedeuten, dass die Polizei in Frankfurt extrem gute Arbeit macht und mehr Straftaten aufdeckt als die Polizei in anderen Städten. Ich empfinde es eher so.

ZEITmagazin: Die Arbeit vieler Ärzte bei der Leichenschau halten Sie hingegen für nicht gründlich genug.

Verhoff: Die meisten Leichenschauen werden von Hausärzten durchgeführt. Das ist gut, weil sie ihre Patienten in der Regel kennen. Aus dem gleichen Grund ist es aber auch schlecht.

ZEITmagazin: Warum?

Verhoff: Zu einer Leichenschau gehört es, die Leiche vollständig zu entkleiden und dann alle Körperregionen, einschließlich aller Körperöffnungen und der Kopfhaut, genau zu untersuchen. Oft sind aber Angehörige des Verstorbenen da, wenn der Arzt kommt, und dann gibt es Hemmungen, den Toten auszuziehen und zu untersuchen.

ZEITmagazin: Weil es pietätlos wirkt.

Verhoff: Und weil die Angehörigen schnell denken, sie stehen unter Verdacht. "Herr Doktor", sagen die dann, "Sie kennen uns doch, Sie trauen uns doch wohl nicht zu, dass wir die Oma um die Ecke gebracht haben!" Meistens sind auch die Angehörigen Patienten des Arztes. Die würde er dann vielleicht sogar verlieren.

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren

er entdeckt was unter anderen Umständen verborgen bleibt, sehr wichtig!
Sicherlich ist er von seinen Kollegen aus der Klinik auch gefürchtet, zu Recht. Wie viele Patienten kommen durch Pfusch oder gezielten Mord (siehe dem Krankenpfleger Högl) ums Leben. Dieser Bereich Rechtsmedizin ist zwingend notwendig da es die letzte Instanz für einen Toten ist noch zu seinem Recht zu kommen.
Großen Dank an Herr Prof Verhoff, sein Team und seine anderen Kollegen in unserem Land!