Rechtsmedizin: War das Mord?

ZEITmagazin: Die Rechtsmediziner der Uni Rostock haben im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlicht. Sie haben 10.000 Leichenschauscheine überprüft, das Ergebnis: 44 Mal wurde fälschlicherweise ein natürlicher Tod festgestellt.

Verhoff: Was dann noch keine Morde sein müssen. Aber nicht natürlich bedeutet: Es braucht weitere Ermittlungen.

ZEITmagazin: Stimmt es, dass oft erst im Krematorium auffällt, dass etwas nicht stimmt?

Verhoff: Ja, außer in Bayern besteht in jedem Bundesland die Pflicht, dass eine Leiche, bevor sie verbrannt wird, ein zweites Mal angeschaut wird, und zwar dann von einem Amtsarzt oder Rechtsmediziner. Viele Menschen wissen das nicht. Der Fall, wo das Messer noch in der Brust steckte, war ein Fall aus dem Krematorium. Der Täter, es war der Sohn, dachte, sein Opfer wird einfach samt Mordinstrument verbrannt – von einer zweiten Leichenschau ahnte er nichts.

ZEITmagazin: Eine Erdbestattung ist also aus Sicht eines Mörders die bessere Variante.

Verhoff: Ich erinnere mich an einen anderen Fall, wo der Bestatter die Polizei gerufen hat, weil es aus dem Sarg rot heraustropfte. Da muss schon viel passieren, so ein Sarg ist speziell ausgelegt, wegen der Flüssigkeiten, die eine Leiche absondert.

ZEITmagazin: Auch das war ein Mord?

Verhoff: Es war ein Messerstich in den Rücken, der die Lungenarterie tödlich verletzt hatte. Der Arzt hatte einen natürlichen Tod bescheinigt und sich offensichtlich den Rücken des Toten gar nicht angeschaut. Es gibt die absurdesten Fälle.

ZEITmagazin: Wie kann die ärztliche Leichenschau besser werden?

Verhoff: Wir bemühen uns, dass die Studierenden schon im Studium so viele Leichenschauen wie möglich durchführen. Wir bieten außerdem Kurse als Fortbildung an: Ärzte können die Theorie auffrischen und unter Aufsicht acht Leichenschauen durchführen. Das bringt eine Menge.

ZEITmagazin: Ändert aber nichts an der Befangenheit, wenn Angehörige dabei sind.

Verhoff: Da braucht es vor allem ein anderes Bewusstsein in der Öffentlichkeit. Es muss klar sein: Bei bestimmten Alarmzeichen an einer Leiche hat ein Arzt gar keine andere Wahl, als die Polizei zu rufen. Mit Misstrauen hat das gar nichts zu tun.

ZEITmagazin: In Bremen dürfen seit August 2017 nur noch unabhängige Rechtsmediziner Leichenschauen durchführen. Wäre das auch für Frankfurt ein Modell?

Verhoff: Ich war früher ein Befürworter davon, dass nur unabhängige und speziell geschulte Ärzte Leichenschauen durchführen sollen. Aber Bremen hat 600.000 Einwohner, Hessen hat sechs Millionen. In Bremen gibt es zehn Rechtsmediziner, die für die Leichenschauen zuständig sind, Hessen bräuchte also mindestens 100. Wo sollen die herkommen? Auf lange Sicht werden wir nicht davon wegkommen, dass alle Ärzte Leichenschauen machen müssen. Anders können wir das Land in der Fläche nicht versorgen.

ZEITmagazin: In Bremen gibt es Kritik daran, dass die Leichen nicht am Fundort untersucht werden, sondern beim Bestatter.

Verhoff: Vieles, was man am Fundort sieht, lässt Rückschlüsse zu auf die letzten Tage und Stunden des Verstorbenen. Wird die Leiche erst beim Bestatter angesehen, fehlen diese Hinweise. Aber nicht mal in einer Stadt wie Bremen war es personell zu schaffen, dass die Ärzte aus der Rechtsmedizin zu allen Fundorten hinfahren.

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren

er entdeckt was unter anderen Umständen verborgen bleibt, sehr wichtig!
Sicherlich ist er von seinen Kollegen aus der Klinik auch gefürchtet, zu Recht. Wie viele Patienten kommen durch Pfusch oder gezielten Mord (siehe dem Krankenpfleger Högl) ums Leben. Dieser Bereich Rechtsmedizin ist zwingend notwendig da es die letzte Instanz für einen Toten ist noch zu seinem Recht zu kommen.
Großen Dank an Herr Prof Verhoff, sein Team und seine anderen Kollegen in unserem Land!