Emmanuel Macron Über Präsidenteninterviews

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 24/2018

Wer in Deutschland eine Heldentat verübt, bekommt im Schnitt nach sieben Monaten einen Preis für Zivilcourage verliehen, von irgendeinem Verein. Wer in Frankreich das Gleiche tut, kriegt seinen Präsidenten persönlich zu sehen. Im Fall des Mamoudou Gassama, illegaler Einwanderer aus Mali, genannt Spider-Man, weil er sich an einer Häuserfassade über vier Etagen hochhangelte, um oben ein Kind zu retten, dauerte es bis zum Präsidentenempfang keine 48 Stunden: Samstagabend gerettet, Montagmittag Termin im Élysée. Zusage eines französischen Passes inklusive.

Wir wollen nicht darüber klagen, dass Flüchtlinge sich erst in Comichelden verwandeln müssen, um bleiben zu dürfen. Vielmehr wollen wir darauf hinweisen, dass Emmanuel Macron bei dieser Gelegenheit ein neues Genre erfunden hat, das Präsidenteninterview mit dem Präsidenten als Interviewer. Die Fernsehkameras durften dabei sein, als Macron den Helden befragte, in lockerer Haltung. Er stellte ihm Fragen, die ein Talkshow-Host auch gestellt hätte: "Wie spät war es da?", "Sie haben, ohne groß nachzudenken ...", "Weil Sie gerade begriffen haben, was da gerade passiert war?" (Lehrbuch!), "Haben Sie das Kind danach noch mal gesehen?" (das Emotionale weiter emotionalisieren), und: "Bravo!" (durchaus mal die neutrale Interview-Haltung aufgeben, wenn’s passt). Das freudige Nicken beherrschte er auch recht gut.

Emmanuel Macron verwandelte sich in Markus Lanz, dem anzumerken ist, dass er da gerade einen Scoop gelandet hat: das erste große Interview mit dem "Spider-Man"! Es ist ein Rätsel, warum dieses Format nicht früher schon jemand eingefallen ist. In die Kamera sprechende Staatsmänner und -frauen, die Wohnraumoffensiven und Kriege erklären, ziehen ja schon lange nicht mehr. Helmut Kohl hätte den ersten Grenzübertreter an der Bornholmer Straße interviewen können, Barack Obama den Hudson-River-Piloten. Von nun an wird es Nachahmer geben: Angela Merkel wird nach gewonnenem Elfmeterschießen zum Einsatz kommen ("Sonst schießen Sie ja gerne mal halbhoch"). Wladimir Putin wird Bomberpiloten interviewen ("Hatten Sie gar keine Angst?"). Die Queen wird Wahlsieger befragen, die kleinen, sympathischen, die niemand auf dem Schirm hatte ("Möchten Sie jemandem danken zu Hause in Norfolk?"). Donald Trump scheidet für das Format leider aus. Zwei Minuten lang so tun, als sei ein anderer ein noch größerer Held als er? Das schafft nicht jedes Staatsoberhaupt.

Kommentare

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Unbedeutende kleine Rhetorik-Frage, dennoch: der Grundtenor ist ermüdend:
Da ist diese low-level Grundeinstellung:
Lesen was auch immer, irgendein Wort eine Formulierung, einen Satz finden, dem sich ein Schubs in eine neue oder völlig gegensätzliche Richtung verpassen lässt, und dann- mit häufig sinnfremder Kritik - brustgeschwellt den gefühlten Eigenwert nach oben katapultieren.
Das ist so dämlich – ernüchternd wie oft das dokumentiert wird.