© Feng Li

Feng Li Auf den Straßen von Chengdu

Der Fotograf Feng Li wuchs in der chinesischen Acht-Millionen-Metropole auf. Heute zieht er oft durch seine Stadt, tagsüber oder auch nachts, und fotografiert Alltagsszenen aus seiner Heimat – mal sind sie düster und beklemmend, mal grotesk komisch. Von
ZEITmagazin Nr. 24/2018

Es sind immer dieselben Ecken in Chengdu, die Feng Li mit seiner Kamera abläuft: Rund um den alten Tempel in der Innenstadt erstreckt sich eine Fußgängerzone bis zum Fluss. Feng, 1971 geboren, wuchs auf in diesem Viertel. Hier sei er völlig entspannt, sagt er. Er stelle sich einfach irgendwohin und beobachte. Chengdu in der Südwestprovinz Sichuan, acht Millionen Einwohner, ist bekannt für Teehäuser und scharfes Essen, in Umfragen wird die Metropole immer wieder zur "glücklichsten Stadt Chinas" gewählt. Von Idylle ist auf Fengs Bildern jedoch wenig zu spüren – nichts scheint an seinem Platz zu sein, alles mutet an wie ein makabrer Spuk.

White Night hat Feng Li seine Serie aus der grauen Halbdämmerung des chinesischen Alltags genannt. Auf seinen Bildern verschwimmen Tag und Nacht, Traumwelt und Realität. Latex-Dominas und schwarze Schwäne patrouillieren durch das Zwielicht wie in einem David-Lynch-Film. Die Menschen wirken verstört bis erstarrt, im ungünstigsten Moment angeblitzt und ausgeleuchtet. Verschont wird weder das weinende Kind noch der blutende Mann, niemand lächelt, es sei denn in die eigene Handykamera. Feng fängt grotesk-komische, düstere und beklemmende Momente ein, Ansichten, die in China normalerweise von der Bilderwelt aufpolierter Social-Media-Stars und sorgsam inszenierter Staatspropaganda überlagert werden. An Letzterer ist Feng kurioserweise nicht unbeteiligt: Im Hauptberuf arbeitet er als Fotograf für die städtische Propagandabehörde in Chengdu. Seit fast 20 Jahren schießt er die Bilder, wenn irgendwo in der Stadt Parteikader einander die Hände schütteln oder rote Bänder durchschneiden.

Eigentlich ist Feng Mediziner, nach der Uni arbeitete er im Gesundheitsamt. 1995, da war er 24, sah er den Film Die Brücken am Fluss, in dem Clint Eastwood als National Geographic-Fotograf im Jeep durch Iowa tourt. Der Film habe ihn sehr berührt. Seine ganze Familie sparte danach auf seine erste Nikon, die kostete Mitte der Neunziger in China ein gutes Jahresgehalt. Als er 1999 beim Gesundheitsamt kündigte, half der Direktor ihm bei der Versetzung in die Propagandabehörde. Das war zwar nicht unbedingt das, was Feng sich vorgestellt hatte. Aber immerhin konnte er durch die neue Stelle im weitesten Sinne von der Fotografie leben.

Wie geht das zusammen, Propagandafotograf im Brotjob und freier Künstler nach Feierabend? Das eine sei Handwerk, das andere sein persönlicher Blick auf die chinesische Gegenwart. Der Frage, ob er mit der Serie sein offizielles Portfolio subversiv konterkariert, weicht Feng aus. "Ich will das menschliche Innere zeigen", sagt er. Entfremdung und Verlorenheit seien universelle Großstadt-Erfahrungen. Er vermisse die Wärme in der Nachbarschaft seiner Kindheit, in den Straßen um den alten Tempel. Wenn er dort heute mit der Kamera auf die Suche geht, trifft er auf andere, die von all dem Neuen offenbar genauso befremdet sind wie er.

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