Harald Martenstein Über einen großen Kolumnisten

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 24/2018

Im Sommer 2017 füllte die Welt ihre Spalten mit einer Serie, die "Denkmalsturz" hieß. Mittelgroße Geister beschimpften große Geister als "überschätzt". Sie knöpften sich unter anderem die Beatles, Franz Kafka und Vincent van Gogh vor. Alle überschätzt. Über den Dichter Charles Bukowski schrieb irgendwer, er habe "keinen einzigen interessanten Satz" verfasst.

Ich kenne deren etliche, zum Beispiel: "Das Problem dieser Welt ist, dass die intelligenten Menschen voller Selbstzweifel und die Dummen voller Selbstvertrauen sind."

Ich will hin und wieder über ein paar große Kolumnisten schreiben, die es heute nicht geben könnte, die aber auch noch in hundert Jahren gelesen werden, wenn dieser ganze Schlamassel vorbei ist. Mein erstes Kolumnenbuch, das ich mit zwanzig kaufte, war Notes of a Dirty Old Man, von Charles Bukowski. Vielleicht habe ich es auch geklaut. Bukowski war ein Superstar, deutsche Auflage: vier Millionen. Charles hieß eigentlich "Heinrich Karl" und wurde in Andernach geboren, Rheinland-Pfalz, deutsche Mutter, Vater Ami. Als Kind kam er nach Los Angeles, wurde vom Vater schwer misshandelt, wurde ein Säufer wie er, saß im Knast und in der Psychiatrie, elf Jahre lang war er Briefsortierer.

Er beschrieb sich selbst so: "Wenn ich nur dieses Gesicht kämmen könnte, aber das geht nicht." Seine Kolumne begann, als er noch Briefe sortierte. Sie erschien in einem linken Stadtmagazin von L.A., damals, als die Linke sich noch für Typen wie ihn interessierte und die Unterschicht sich für dieses Interesse mit Wählerstimmen revanchierte. Seine Themen waren Verlierer, Prostituierte und Kriminelle. Bukowski war wütend, selbstironisch und manchmal obszön. Er schrieb nicht über den Mann, der er gern wäre, sondern über den Mann, der er war. So etwas, fürchte ich, würde heute keine Zeitung drucken. Bukowskis Vorbild war Tschechow. Heute macht Knausgård etwas Ähnliches, ich finde ihn gut, aber Knausgård ist ein bemühter Junge aus der Mittelschicht. Bukowski war, in der Wortwahl eines früheren SPD-Vorsitzenden, das Pack.

Ich mag Buchtitel wie Das Liebesleben der Hyäne oder Alle reden zu viel. Georg Stefan Trollers Film über Bukowski heißt Porträt des Künstlers als alter Hund. Um 1980 herum fuhr ich zu einer Lesung, und Bukowski hatte auf der Bühne einen Kühlschrank, wie ihn auch Axel Hacke eine Zeit lang hatte. Aus dem Kühlschrank holte er hin und wieder eine Flasche Müller-Thurgau, das ging eher in die Harry-Rowohlt-Richtung. Bukowski inszenierte sein Image. Inzwischen hatte er einen Haufen Kohle und trank privat angeblich weniger als auf der Bühne. Seiner Tochter soll er ein liebender Vater gewesen sein. Eine beschissene Jugend, bestehend aus Dreck, Gewalt und Armut, hatte er nicht in Selbstmitleid verwandelt, sondern in Witz, Stolz und ein Gespür für das Leid anderer. Er war hässlich und alt, aber man sollte immer versuchen, aus den Gegebenheiten das Beste zu machen.

Natürlich spielte er in einer niedrigeren Liga als Kafka. Es gab einen kurzen Moment der neueren Geschichte, in dem so eine Karriere möglich war, mit schamlosen, ungefilterten Texten, dann kippte die Stimmung ins Neobiedermeier. Die junge Schweizerin Michèle Roten schrieb ein paar Jahre lang fetzige Kolumnen im Bukowski-Stil, sie nannte sich ironisch "bourgeoise Schlampe" und "rührungsresistentes Antimädchen". Heute betreibt sie einen Secondhandladen und arbeitet fürs Theater. Auf Bukowskis Grabstein steht ja auch, uns Heutigen zur Warnung, der interessante, weil vieldeutige Satz: "Don’t try".

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Bukowski war für mich lange Zeit eine Quelle der Inspiration. Er schrieb über ein Leben am Rande der Gesellschaft, des Exzesses, mit schwülstiger Wollust und auch anarchischer Lebensfreude inmitten von Destruktion. Er ermöglichte mir - und vielleicht auch anderen an einem Leben teilzunehmen, dass ich selbst so nicht leben wollte, weil ich körperlich dafür nicht geschaffen war, dass mich aber interessierte. Gerade heutzutage, in diesem klinisch reinen, zwanghaft gesunden Lebensgefühl kommt mir Bukowski tatsächlich wertvoll vor. Die Frage war immer: was ist der Sinn des Lebens und was ist der Mensch?