Jenny Hiller "Alles im Leben ist Schicksal"

Die Tänzerin Jenny Hiller war Waisenkind und sah keine Zukunft für sich, bis sie sich für eine Revue-Show bewarb. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 24/2018

ZEITmagazin: Frau Hiller, die Hiller-Girls waren schon eine berühmte Tanztruppe, als Sie sich 1941 mit 17 Jahren bei ihnen um die Aufnahme beworben haben. Wie kam es dazu?

Jenny Hiller: Ich bin mit 14 Jahren Vollwaise geworden, und meine ältere Schwester und ich mussten in einem Büro arbeiten. Eines Tages hörte ich von der Ausbildung für eine Revue und bin einfach hingegangen und habe mich Rolf Hiller vorgestellt. Dabei hatte ich fast keine Tanzerfahrung, konnte nur Radschlagen. Trotzdem wurde ich probeweise in die Truppe aufgenommen. Ich war ein steifer Bock und musste mir alles erarbeiten. Erst habe ich in der Komparserie mitgemacht und musste in der Ballett-, der Stepp- und der Akrobatikschule unsere Tänze lernen. Wir wurden von Rolf Hiller persönlich sehr streng trainiert. Das war ein hartes Brot, aber etwas Besseres hätte mir überhaupt nicht passieren können.

ZEITmagazin: Sie hatten offenbar keine schöne Jugend.

Hiller: Mein Vater starb, als ich ein Jahr alt war. Meine Mutter hatte sehr wenig Geld und war vor ihrem Tod schon lange krank. Ich war ein Dickkopf, geradeheraus und lebhaft, und habe immer ein paar Ohrfeigen mehr gekriegt als meine Schwester. Ich wundere mich aber trotzdem heute noch, dass ich mich getraut habe, mich als Hiller-Girl zu bewerben. Ich hab es nie bereut. Rückblickend war Rolf Hiller meine Rettung vor der Armut und einer trostlosen Zukunft.

ZEITmagazin: Joseph Goebbels, Hermann Göring und selbst Hitler haben die Show besucht. Hat die Politik eine Rolle für die Truppe gespielt?

Hiller: Wir haben uns um die überhaupt nicht gekümmert, Politik war für uns uninteressant. Wir durften allerdings als einziges Ballett aus Propaganda-Gründen ins Ausland. Im besetzten Norwegen ist Rolf Hiller von der Gestapo wegen "Judenbegünstigung" verhaftet worden, wahrscheinlich weil wir vorher im neutralen Schweden beobachtet worden waren, wie wir mit jüdischen Kollegen ganz normal gesprochen haben. Wir Tänzerinnen wurden mit einem Militärtransport nach Deutschland zurückgebracht, und die Truppe gab es dann erst mal nicht mehr. Nachdem Rolf Hiller nach vier Wochen wieder frei war, haben wir beide bis zum Kriegsende in einem Hotel gelebt. Damals war ich schon mit ihm liiert. Das hatte sich so ergeben. Vielleicht empfand er eine besondere Verantwortung für mich, weil ich Waise war. Ich habe den Mann erst später lieben gelernt. Er war gut zu mir und hat mich ins Leben eingeweiht wie ein Vater.

ZEITmagazin: Ihr Mann war 36 Jahre älter als Sie. Wie ging es nach dem Kriegsende für Sie weiter?

Hiller: Wir haben für die Amerikaner gearbeitet und im Fürstenhof in München mit sechs Girls wieder angefangen. Von den Amerikanern haben wir endlich wieder mehr zu essen und Zigaretten bekommen. So fing es langsam wieder an, und bald kamen Revuen in Italien und in Spanien. Dort mussten wir Fransen an unsere sexy Kostüme nähen, weil wir sonst nicht hätten auftreten dürfen. Wir waren aufs Ausland angewiesen, weil es in Deutschland kaum noch Bühnen gab, und waren überall, in Mexiko, in Japan ... Auch als Rolf Hiller 1968 starb, waren wir vorher in Mexiko bei einem Auftritt. Mein Mann hatte Krebs, und ich habe ihn nach Deutschland zurückbegleitet. Nachdem er dort gestorben war, bin ich zurück zur Truppe, es waren noch etwa zehn Tänzerinnen, wir haben noch einige Monate gearbeitet, und dann habe ich sie aufgelöst.

ZEITmagazin: Als Hiller-Girls lebten Sie in einer eigenen Welt. Viele von Ihnen sind danach im Alltag nicht zurechtgekommen, einige nahmen sich das Leben.

Hiller: Viele haben auch geheiratet hinterher, manche haben sich selbstständig gemacht oder haben im Duett gearbeitet. Ich bin wunderbar zurechtgekommen und habe keine Probleme gehabt. Nach der Auflösung der Truppe hatte ich noch einen Lebensgefährten in Mexiko, einen Arzt, aber der ist nach einem Jahr auch gestorben. Dann habe ich mir 1970 eine Wohnung in München gekauft und habe mich mit einer Nachbarin angefreundet. Ich musste nicht mehr arbeiten, und wir haben viele Ausflüge und kleinere Reisen zusammen gemacht.

ZEITmagazin: Gibt es ein Erlebnis in Ihrem Leben, das Sie erschüttert hat?

Hiller: Erschüttert haben mich die Todesfälle, die waren das Schlimmste. Als meine Mutter starb, hatte ich niemanden mehr, die Verwandtschaft hat sich nicht um meine Schwester und mich gekümmert. Auch der Tod von Rolf Hiller war ein Schlag. Ich war immer gewohnt, mit vielen Menschen zusammenzusein, und plötzlich war ich alleine. Damals hat mich das sehr belastet, heute habe ich mich aber daran gewöhnt. Alles im Leben ist Schicksal.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

"Alles im Leben ist Schicksal"

Vieles im Leben ist harte Arbeit!
Fr. Hiller beschreibt dies im Interview.

Auch damals wurde frau nicht Revuetänzerin ohne intensives Training, das trifft heute noch sehr viel mehr zu. Herkunft und ein förderndes Elternhaus können viele Voraussetzungen ermöglichen, die harte Arbeit für die eigenen Ziele können sie nicht ersetzen. Ein Faktum dass gerne vergessen wird.