Jugendsprache "Ich feier das voll"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 24/2018

Manchmal weiß ich nicht recht, was Lotta mir sagen will. Lotta sagt zum Beispiel nie: "Ich mag das." Sie sagt stattdessen: "Ich feier das." Das geht dann etwa so: "Boah, Crêpes mit Nutella, die feier ich mega." Ich frage mich, was mein Kind für einen Begriff vom Feiern hat. Für meine Eltern war eine Feier etwas Festliches. Man ging etwa auf eine Hochzeitsfeier. Als ich selbst jung war, sprachen wir davon, dass man abends "feiern geht". Es waren natürlich mitnichten Feiern, an denen wir partizipierten, wir gingen höchstens in einen Club, hielten uns dort an unseren Bierflaschen fest und bewegten uns etwas im Takt der Musik. Es war eigentlich ziemlich öde. Aber indem man sagte, man sei "feiern" gewesen, hörte es sich an, als habe man etwas erlebt.

Lotta feiert den ganzen Tag irgendwas: Sie feiert YouTuber, sie feiert Erdnussbutter, sie feiert argentinische Telenovelas. Lotta kann sogar feiern, dass sie bei Netflix "chillt". Wenn Lotta beim Streamingdienstgucken chillt, dann ist sie (wie sie es ausdrücken würde) so "hart entspannt", dass man manchmal nicht feststellen kann, ob sie überhaupt atmet. Aber sie feiert das. Dinge, die eher so ganz nett sind, findet Lotta hingegen "nice". Lotta steigert "nice" so: "nice", "nicer", "voll nice". Lotta meint zum Beispiel, dass sie "nice" Eltern hat. Ich glaube, das ist das größte Lob, das man von einer 13-Jährigen erwarten kann. Es gibt auch noch eine weitere Art, wie Lotta Zustimmung signalisiert – Lotta sagt dann: "Das bin voll ich." Oder: "Das T-Shirt, das bin voll ich." Ich beneide mein Kind darum, denn ich weiß immer noch nicht, wer ich eigentlich voll bin.

Was mir am Sprachgebrauch meiner Tochter gefällt: Fast alle jugendsprachlichen Begriffe, die Lotta nutzt, sind positiv. Und sie sind nicht vulgär. Es gibt in ihrem Sprachschatz nur ein böses Wort, und das ist "Horst". Wenn Lotta meint, jemand sei "voll der Horst", dann bedeutet das nichts Gutes für diese Person. Ich meine manchmal, dass es doch bestimmt auch einige sehr nette Menschen gibt, die Horst heißen. Lotta meint, dann wären sie ja gar keine Horsts.

Ich glaube, es gibt keine Jugendsprache. Es gibt nur Wörter und Sprechweisen, welche man in der Jugend aufgreift – und dann beibehält. Als ich in Lottas Alter war, kann gerade das Wort "geil" auf. Irgendwann landete eine Band namens Bruce & Bongo mit dem Song Geil einen Hit: "Ich bin geil, du bist geil, wir sind geil, g-g-g-g-geil!" Es war ein Skandal. Sogar der damals noch einigermaßen jugendliche Thomas Gottschalk wetterte gegen den Song. Aber es war der Durchbruch des Wortes "geil". Heute ist das "geil" sehr, sehr geläufig. Lotta hingegen sagt eher selten "geil". Für sie ist es ein Wort alter Männer. Ich denke, die Sprache der Jugend heute wird einmal genauso in den Sprachgebrauch übergehen. In zehn Jahren werden konservative Abgeordnete im Bundestag sagen, dass sie den Antrag der eigenen Fraktion feiern, den des Gegners hingegen voll nicht feiern. Denn das sagt man in Lottas Kreisen, wenn man etwas überhaupt nicht mag: "Das feier ich voll nicht."

Wenn das also die Zukunft ist: dass es als äußerste Kritik gilt, jemanden nicht zu feiern, und es die Höchststrafe ist, so genannt zu werden, wie unser Innenminister heißt – dann kann das keine schlechte Welt sein. Ich glaube sogar, so eine Welt wäre dann irgendwie auch voll ich.

Kommentare

95 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Bei mir ist es ein ambivalentes Schmunzeln..

Die Kolumne wirkt unvollständig, aus dem Thema hätte man noch so viel mehr herauskitzeln können! So bleibt es dabei, dass gelegentlich eine Bestandaufnahme humoristisch unterbreitet wird, die dem Leser gestattet, sich ungeniert über die sprachlichen Spasmen der Kids von heute amüsieren zu dürfen. Hier und da wird ein sprachliches Ungetüm dem Wortschatz hinzugefügt - bspw. wenn Dieter Bohlen mit rhetorischen Raffinessen wie: "das war voll meeegaaa geil" aufwartet, kann man davon ausgehen, dass es ein angestrebtes Millionenpublikum narzistischer Kids derartige Auf-/Abwertungen aufsaugt. Kinder sind Schwämme - no shit Sherlock -, hör Dir ihre Musik an, guck Dir die verkürzte Internet-Chatsprache an, und man ahnt, wie arg es um die Artikulationsfähigkeiten unserer Kinder bestellt ist!
Es hätte eine daraus abgeleitete gesamtgesellschaftliche Betrachtung werden können: Wieso die Verwunderung über die schlechten Pisa-Ergebnisse oder dass der Wortschatz der jetzt Heranwachsenden nachweislich/merklich zurückgegangen ist? Was löst es beim Autoren aus, wenn er über seine sprachlich unbeholfenen Nachwuchs reflektiert? Und was löst es bei uns Lesern aus - im Wissen, dass "Horst" noch eins der harmloseren Beleidigungen ist, mit denen sich auch Mädchen heutzutage gegenseitig angiften?