Die großen Fragen der Liebe Hat sie einen besseren Partner verdient?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 24/2018

Die Frage: Irenes Ehemann David ist Ingenieur, er hat immer einen Bogen um intellektuelle Themen gemacht, war aber ein selbstbewusster Vater und Versorger der Familie, solange die Kinder klein waren und Irene, von Beruf Lehrerin, mit ihrer Mutterrolle beschäftigt war. Jetzt sind die Kinder selbstständig, und Irene hat in einem wichtigen Berufsverband eine Leitungsrolle übernommen. David sieht das mit gemischten Gefühlen. Er ist stolz auf seine Frau, hat ihre Website programmiert. Es macht ihn aber unsicher, wenn das Publikum bei einem ihrer Auftritte klatscht und er nicht verstanden hat, worum es geht. Einmal sagt er plötzlich: "Du hättest einen Partner verdient, der dir intellektuell das Wasser reichen kann!" Irene ist perplex und raunzt zurück: "Wir sind doch keine 25 mehr!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Davids versuchte Selbstabschaffung als Ehemann erinnert an die Hausfrau, die ein üppiges Essen auftischt und sagt: "Es schmeckt sicher fürchterlich!" Die Briten, Meister der indirekten Kommunikation, nennen das fishing for compliments. Irenes knurrige Antwort ist allerdings nicht die Reaktion, nach der David gefischt hat. Irenes Ärger wurzelt wohl darin, dass ihr gefischte Komplimente anrüchig erscheinen, weil sie für das Misstrauen stehen, ohne Manipulation nicht genug zu bekommen. Sie hat den Verdacht, dass David sie in ihrer politischen Arbeit nicht freudig unterstützt, sondern aus der Angst heraus, nicht gut genug zu sein. Es ist viel einfacher, tätige Hilfe hochzuschätzen und zu loben, als Unsicherheiten im Selbstgefühl des Helfers zu reparieren.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag)

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