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Peter Kohl "Ich wäre in der Stunde seines Todes gern bei meinem Vater gewesen"

Altkanzler Helmut Kohl starb vor einem Jahr. Sein Sohn Peter hatte ihn da schon lange nicht mehr gesehen. Hier spricht er über das politische Erbe seines Vaters – und Erinnerungsstücke, die er vermisst. Interview: und
ZEITmagazin Nr. 24/2018

ZEITmagazin: Herr Kohl, werden Sie oft als Sohn Ihres Vaters erkannt?

Kohl: In letzter Zeit seltener. Ich habe stark abgenommen.

ZEITmagazin: Wie kam es dazu?

Kohl: Nach dem Tod meines Vaters habe ich viel über ihn und mich nachgedacht. Nach seinem schweren Unfall 2008 hat mein Vater gesundheitlich sehr gelitten, was aber auch eine Konsequenz seiner früheren, ungesunden Lebensweise war. Er saß im Rollstuhl, wurde auch neurologisch zum Pflegefall. Sein hohes Übergewicht und seine mangelnde Bewegung haben ihm viele Probleme bereitet. Diesen Weg möchte ich in meinem Leben nicht gehen.

ZEITmagazin: Also haben Sie Ihr Leben verändert?

Kohl: Ich habe meine Ernährung umgestellt und treibe täglich Sport.

ZEITmagazin: Was hätte Ihr Vater zu Ihrer Veränderung gesagt?

Kohl: Ich wünschte mir, ich könnte die Zeit zurückdrehen und ihm zeigen, dass man gewisse Dinge auch ändern kann. Er war mein Vater, ich machte mir um seine körperliche Verfassung Sorgen.

ZEITmagazin: Wir treffen uns wenige Tage vor dem ersten Todestag Ihres Vaters, wir wollen gleich noch über ihn und sein politisches wie persönliches Erbe sprechen. Sie sind sein jüngerer Sohn. Ihr Bruder Walter ist zwei Jahre älter. Wie nah stehen Sie beide sich?

Kohl: Wir haben ein sehr enges Verhältnis, so eng, wie es sonst wohl fast nur Zwillinge haben.

ZEITmagazin: Was unterscheidet Sie von Ihrem Bruder?

Kohl: Wir hatten in der Jugend unterschiedliche Interessen. Meine waren Luft- und Raumfahrt, Programmieren, aber auch Philosophie. In der Familie Kohl galt ich damit als aus der Art geschlagen. Ich weiß noch: Um 1977 kam der Computer Apple II nach Deutschland. Ich war zwölf und sparte eisern – ich musste dieses Gerät haben! Meine Mutter war dagegen, ihr war das zu teuer, also habe ich meinen Vater bekniet. Gemeinsam gingen wir zu einem Computerhändler in Mannheim, und dann hat Helmut Kohl einen der ersten Apple II in Deutschland gekauft. Er gab mir noch Geld dazu, damit es auch für das Diskettenlaufwerk reichte.

ZEITmagazin: Wissen Sie den Preis noch?

Kohl: Mehr als 2.500 Mark, glaube ich, sehr viel Geld! Der Ladenbesitzer hat gestaunt, wer da kommt. Dass Helmut Kohl ein untechnischer Mensch war, ist eine grobe Untertreibung. Mein Vater hat in seinem Leben nie einen Computer angefasst oder jemals im Internet gesurft, konnte kein Handy bedienen. Der Händler damals begriff schnell, dass mein Vater ahnungslos war und seinen Sohn die Verhandlungen führen ließ.

ZEITmagazin: Ihr Bruder hat lange darunter gelitten, "der Sohn vom Kohl" zu sein: Er wurde in der Schule angefeindet und gedemütigt.

2006 im Schloss Bellevue: Helmut Kohl, rechts von ihm Maike Richter-Kohl; Peter Kohl und seine Frau Elif Sözen-Kohl (rechts); Walter Kohl und seine Frau Kyung-Sook Kohl (links). © Marcus Brandt/ddp images

Kohl: Im Unterschied zu meinem Bruder gaben mich meine Eltern auf die örtliche Waldorfschule – aus Gründen, die ich heute nicht mehr nachvollziehen kann. Denn gerade mein Vater wurde dort ideologisch doch als Gegner betrachtet. Ich wurde sozusagen in ein ideologisches Wechselbad gestoßen: hier das konservative Elternhaus, dort die anthroposophisch-friedensbewegte Schule.

ZEITmagazin: Zu sagen, Sie seien wohlbehütet aufgewachsen, dürfte stark untertrieben sein.

Kohl: Seit ich mich erinnern kann, wurden wir durch bewaffnete Polizei vor unserem Haus beschützt. Als Kind hatte ich eigentlich wenig Angst um mich selbst, schwierig waren eher gewisse negative Reaktionen auf unseren zunehmenden Personenschutz. Meine Schulfreunde durften mich besuchen, aber im Auto mitfahren durften sie häufig nicht, weil ihre Eltern das verboten hatten. Wenn man mit mir unterwegs sei, dann werde man totgeschossen, hieß es. Einmal war ich beim Tennis, und wir haben länger gespielt, als vereinbart war. Ich war wenige Minuten überfällig, da stürmte ein Sondereinsatzkommando mit Maschinenpistolen den Platz, um mich herauszuholen. Das waren solche Erlebnisse.

ZEITmagazin: Wie blicken Sie heute auf Erfahrungen wie diese?

Kohl: Im Abstand der Jahrzehnte ist diese Zeit auch gefühlt so fern. Ich lese gerade das Buch "Die RAF hat euch lieb" von Bettina Röhl, der Tochter von Ulrike Meinhof, darin räumt sie, wie ich finde, mit der romantischen Verklärung der damaligen Zeit auf. Auch die Achtundsechziger sind in die Jahre gekommen.

ZEITmagazin: Für Ihre Familie war die RAF eine tödliche Bedrohung.

Kohl: Sie hat bekanntlich auch Leute im Umkreis meines Vaters bedroht, schwer verletzt oder ermordet. Ich habe mich im Nachhinein darüber gewundert, dass die RAF nicht auch meinen Vater umgebracht hat.

ZEITmagazin: Ein harter Satz.

Kohl: Eine nüchterne Analyse. Von meinem Vater weiß ich, wie umfassend die Staatssicherheit der DDR über den Personenschutz für unsere Familie und die Erkenntnisse des BKA zu geplanten Attentaten informiert war. Wie man weiß, waren sich Stasi und RAF sehr nah. Und ein Mordanschlag auf Helmut Kohl hätte die Republik erbeben lassen.

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