Shirin Neshat "Meine Hoffnung setze ich in den Mut der iranischen Frauen. Sie lassen sich nicht länger einschüchtern."

© Anna Rose
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 24/2018

Ich betrete ein imposantes Firmengebäude, das bis in den Himmel ragt. Darin befindet sich ein großes Theater, auf der Bühne steht ein amerikanischer Musiker, der einen Popsong singt: ein wunderschönes Liebeslied, das mich aufwühlt und zu Tränen rührt. Der Sänger erinnert mich äußerlich an Donald Trump. Auf einmal verändert er sich. Seine Stimme, seine Gestik und Mimik, alles an ihm wirkt plötzlich aggressiv, gewalttätig. Seine Aggression richtet sich gegen mich, die Exotin in diesem rein amerikanischen Publikum. Er fixiert mich mit seinem Blick und schreit mich an.

Ich bekomme Panik, renne aus dem Gebäude, raus aus der Stadt. Vor mir liegt eine weite, karge Wüstenlandschaft, wie im Iran. Eine Frau, die einen Schal um ihren Kopf gewickelt hat, läuft von fern auf mich zu. Ich weiß sofort, es handelt sich um meine Mutter. Ich will ihr entgegenrennen, aber meine Beine bewegen sich wie in Zeitlupe. Als sie näher kommt, sehe ich, dass sie eine schreckliche Monsterfratze hat. Meine Mutter, ein Monster! Mein Herz hört auf zu schlagen, ich greife an meine Brust. In diesem Moment hebe ich ab, fliege in den Himmel hinauf, blicke hinab auf die große Stadt, die Wüstenlandschaft. Dann wache ich auf.

Wie alle meine Träume ist auch dieser eng verwoben mit meiner psychischen Verfassung und meinen Überzeugungen. Ich lebe seit geraumer Zeit fern meines Heimatlandes. Der Traum handelt also vermutlich von Vertreibung, Entwurzelung und von der Suche nach Zugehörigkeit. Er entstammt der Erfahrung, dass die USA und der Iran gleichermaßen liebevoll und grausam sein können, warmherzig und abweisend, faszinierend und furchteinflößend.

Die Trennung von meiner Familie durchwirkt alle meine Träume. Im Wachen verdränge ich vieles, was ich erlebt und erlitten habe, um weiterleben zu können. In meinen Träumen haben meine Angst und meine Unruhe, mein Sehnen, Hoffen und Bangen ihren Platz.

Meine gesamte Lebensgeschichte, als Mensch und Künstlerin, dreht sich um das Überleben. Es ist mir gelungen, meinen Frieden mit der amerikanischen Kultur zu machen. Ein Teil von mir ist amerikanisch, der andere Teil leidet an der Trennung von meiner Familie und der persischen Kultur. In meinen Träumen taucht immer wieder meine Mutter auf. Die Vorstellung, dass sie irgendwann sterben wird, macht mir große Angst. Mit ihr würde ich die letzte Verbindung zu meinem Heimatland verlieren.

Wenn ich wach bin, träume ich davon, dass es den Menschen im Iran gelingen wird, das herrschende System zu überwinden. Meine Hoffnung setze ich vor allem in den Mut, die Leidenschaft und Widerstandsfähigkeit der iranischen Frauen. Seit einiger Zeit fordern sie die Regierung heraus, sie binden ihre Kopftücher auf Stöcke, tanzen in der Öffentlichkeit, spielen in den Hinterhöfen Fußball. Auf die Dauer werden sie nicht zu kontrollieren sein. Diese Frauen lassen sich nicht länger einschüchtern. Ich bin mir sicher: Wenn es jemandem gelingen wird, die Strukturen im Iran zu verändern, dann den Frauen.

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