© Sigrid Reinichs

Entbindungsheime Die gefallenen Mädchen

Sie waren nicht verheiratet und wurden schwanger. Sie versteckten sich in Mütterheimen und gaben ihr Kind nach der Geburt weg. Manche taten es freiwillig, andere nicht. Von und
ZEITmagazin Nr. 25/2018

Die Geschichte der Mütter, denen die Kinder unmittelbar nach der Geburt für immer weggenommen wurden, spielt mitten in Deutschland und beginnt mit einem Rätsel. Am Anfang ist da ein Gespräch und ein sonderbarer Satz am Rande. Eine Frau erzählt, sie sei in einem Entbindungsheim geboren worden.

Ein Entbindungsheim? Was ist das?

Dorthin, sagt sie, wurden unverheiratete Schwangere geschickt. Wegen der Schande. Ihre Kinder mussten sie zur Adoption freigeben. So, sagt die Frau, sei es gewesen. Damals in diesem Entbindungsheim. In Wartaweil.

Kann das wirklich sein? Sollte es in Deutschland wirklich solche Heime gegeben haben, in denen Schwangere sich versteckten und ihr Kind nach der Geburt fortgeben mussten?

Am Ammersee, direkt am Wasser, davor ein eigener Steg, lag das Heim, das Gertrud Thyssen, die Witwe des Unternehmers Hans Thyssen, nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete. 4.270 Kinder sind hier bis 1965 geboren worden. Kinder von Frauen aus dem Ort oder dem Nachbardorf, die ihre Babys wieder mit nach Hause nahmen. Aber nicht nur. In einem alten Zeitungsartikel der Sonntagspost über das Heim steht, dort lebten "Kinder, deren Mütter herumvagabundierten (...), uneheliche Kinder sehr junger Mädchen aus gutbürgerlichem Hause (...), Kinder, auf die ein Elternpaar wartet, und Kinder, für die erst Adoptiveltern gesucht werden müssen".

Spricht man mit einer Frau, die in den sechziger Jahren auf der Säuglingsstation in Wartaweil arbeitete, erzählt sie einem, dass dort immer drei oder vier sogenannte Hausschwangere lebten. Frauen, die im Garten, in der Küche, der Wäscherei oder auf der Säuglingsstation arbeiten mussten – bis zur Entbindung.

Und nach der Entbindung?

"Dann hatten sie noch eine Woche, dann waren sie weg."

Ohne Kind?

"Ohne Kind! Das Kind war doch die Schande!"

Warum Schande?

"Weil die Frauen unverheiratet waren."

Wo sind die Kinder hingekommen?

"Das weiß ich nicht, weil das Bürosache war, die haben uns nicht eingeweiht, die Adoptionen sind ja eine geheime Sache gewesen. Ich war auf der Säuglingsstation."

Und wie lief so eine Adoption ab?

"Die Babys sind rausgebracht worden, wenn Paare kamen. Damit sie schauen konnten, gefällt ihnen das Kind? Nehmen sie es mit? Oder lassen sie es da? Schöne Äpfel, schlechte Äpfel, ne?"

Kamen die Menschen auch von weiter her?

"Das weiß ich nicht."

Wie viele Kinder wurden adoptiert?

"Das weiß ich nicht. Man hat die Kinder gehabt, dann waren sie wieder weg, dann kamen wieder neue nach."

Nein, sagt sie am Ende des Gespräches, wie viel Geld die Paare bezahlen mussten, die ein Baby adoptiert haben, wisse sie nicht und auch nicht, wie freiwillig die Frauen ihr Kind weggegeben haben. Es müsse in den Akten stehen, die Akten müssten beim Landkreis sein.

Der Landkreis, die zuständige Gemeinde, das ist die Gemeinde Herrsching. Die Archivarin der Gemeinde, Friederike Hellerer, bekommt immer wieder Briefe und Anrufe von Adoptierten, die in Wartaweil geboren wurden und wissen wollen, wer ihre leibliche Mutter ist. "Ich darf nicht helfen, und ich kann es auch nicht, ich habe keine Unterlagen", sagt sie. Denn das Gesetz, das vorschreibt, Adoptionsvermittlungsakten mindestens 60 Jahre aufzubewahren, gilt erst seit 2003. Für die Heime gab es keine Pflicht, die Akten aufzuheben. Friederike Hellerer hat versucht herauszufinden, was mit den Dokumenten geschehen ist. Ob sie versteckt, weggeworfen oder vernichtet wurden. Vergeblich. Die Wartaweil-Akten sind verschwunden.

Dann erzählt die Archivarin von einem weiteren Entbindungsheim in Pähl. Was erstaunlich ist, denn Pähl ist gerade einmal acht Kilometer von Wartaweil entfernt. In den bayerischen Heimverzeichnissen steht, dass es bis Mitte der siebziger Jahre 27 solcher Einrichtungen gegeben hat. Mütter- oder Entbindungsheime nannte man diese Einrichtungen. Hausschwangere oder "gefallene Mädchen" die Frauen, die sich in ihnen versteckten und ihre Kinder dort gebaren. Mütterheime, gefallene Mädchen, das klingt wie eine Erzählung aus einer längst vergangenen Zeit. Dort beginnt sie auch, die Geschichte der Mütterheime. Doch sie endet in den achtziger Jahren. Und ist immer noch lebendig. In den Kindern, die inzwischen 35, 40 oder 50 Jahre alt sind.

Wartaweil, Pähl – was waren das für Orte? Waren das Orte der Barmherzigkeit? Oder Orte der Gnadenlosigkeit?

Die Einzigen, die es sicher wissen müssen und davon erzählen könnten, sind jene, die dort oder in anderen Mütterheimen ihr Kind geboren haben. Die gefallenen Mädchen von einst, die heute gestandene Frauen sind. Die damals ein Geheimnis in sich trugen, von dem die Nachbarn, ja selbst die Eltern manchmal nichts wissen durften – und das einige bis heute noch nie jemandem erzählt haben. Nicht einmal ihrem Ehemann. Wie findet man eine Frau, die ein solches Geheimnis hat und bereit ist, davon zu erzählen? Wo fängt man an?

Vielleicht mit einer Anzeige in den Regionalausgaben von Münchner Merkur und tz. Rubrik "Hallo, bitte melden". Für eine Recherche über Säuglingsheime und Adoptionen sind wir auf der Suche nach Zeitzeugen: etwa Frauen, die als Hausschwangere in solchen Heimen eine Zeit lang gelebt haben, oder Menschen, die dort gearbeitet haben; sowie Frauen, die ihr Kind dort zur Adoption freigeben mussten. Es gab spezielle Mutter-Kind-Einrichtungen, einige Heime hießen auch "Haus für gefallene Mädchen" oder Magdalenenhäuser.

Bettine Heckerts Mutter sagte einen Satz, der sie und alles, woran sie glaubte, erschütterte: "Das Kind wird zur Adoption freigegeben." © privat

Ein paar Wochen nach Erscheinen der Anzeige, kurz vor Weihnachten, sitzt Bettina Heckert in ihrer Wohnung in einem Vorort von München, hoch oben im zwölften Stock, so hoch, dass man aus ihrem Wohnzimmer die Zugspitze sieht. Die Anzeige hängt ausgeschnitten an ihrer Pinnwand in der Küche, zwischen dem Kalender und gelben Post-it-Zetteln. Die Anzeige hänge dort schon etwas länger, sagt sie, sie habe einige Wochen überlegt, ob sie ihre Geschichte erzählen möchte. Bettina Heckert ist 58 Jahre alt, eine schmale Person, sie lächelt scheu. Sie ist es eher gewohnt, anderen zuzuhören, Bettina Heckert ist Friseurin. Sie zündet sich eine Zigarette an, nimmt einen Zug, atmet aus und beginnt. Bettina Heckert erzählt, dass sie 1979 – als 18-Jährige – schwanger wurde. Wie sie lange Zeit niemandem etwas sagte, weil sie sich nicht traute. Wie sie dann mit einer Nierenkolik ins Krankenhaus kam, da war sie schon im siebten Monat. Sie weiß noch, dass sie hohes Fieber hatte. Und dass ihre Mutter anrief und einen Satz sagte, der sie und alles, woran sie glaubte, erschütterte: "Das Kind wird zur Adoption freigegeben." Als Bettina Heckert aus dem Krankenhaus nach Hause kam, durfte sie nicht mehr mit der Familie am Tisch sitzen. Die Schande war zu groß. Essen gab es aufs Zimmer. Bettina Heckert weiß auch noch, wie es sich anfühlte damals. Und wie sehr sie sich gewünscht hat, dass einfach alles so sein würde wie früher. Dass sie wieder Teil der Familie sein wollte. Deshalb, sagt sie, machte sie alles mit. Deshalb ging sie ins Mütterheim.

Es war Dezember 1979, ein sonniger Wintertag, so erinnert sie sich, als sie aus der Tram ausstieg. Mit ihrer hellbeigen Reisetasche mit dem Nötigsten und einem Kofferradio von Siemens mit Kassettendeck. Sie trug einen dunkelblauen Strickpullover von ihrem Vater. Weit genug, damit man den Bauch darunter nicht sah. Sie weiß noch, wie sie die Straße entlanglief, neben ihr ihre Mutter. Ganz stumm. Zweimal links, dann in die Taxisstraße hinein. In jene Straße, die sie bis heute nicht mehr betreten hat. Weil sie nicht kann.

Ein Horror sei es dort gewesen, im Heim. Abschätzig hätten die Schwestern auf sie geschaut, wenn sie den Speisesaal geschrubbt habe. Auf sie und ihren Bauch. Die Rotkreuzschwestern hätten sie spüren lassen, dass sie gesellschaftlicher Abschaum war: ein junges Mädchen, verstoßen von ihrer konservativen Familie. Tagsüber arbeitete Bettina Heckert, abends saß sie allein auf ihrem kleinen, kargen Zimmer. Manchmal war sie auch mit den anderen beiden Hausschwangeren zusammen. Mit Olga und Evi, beide jung, beide unverheiratet wie sie. Gefallene Mädchen.

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