© Billy & Hells

FC Bundestag Die rechte Ecke

Seit 51 Jahren kicken Abgeordnete im FC Bundestag. Jeder darf mitspielen, egal welcher Partei er angehört. Nun wollen auch AfD-Politiker dabei sein: Sollte die Mannschaft sie aufnehmen, auch wenn sie fragwürdige Meinungen vertreten? Oder ist ein Ausschluss besser? Von
ZEITmagazin Nr. 25/2018

An einem Abend Anfang Juni steigen im Berliner Regierungsviertel Männer in weißen Fußballtrikots in einen Bus. Sie fahren zum Stadion des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks in Prenzlauer Berg. Ein Kasten gut gekühltes Bier ist mit dabei, für die Rückfahrt. Alle Kicker sind Bundestagsabgeordnete, sie gehören dem FC Bundestag an. Im Bus macht der Kapitän Marcus Weinberg Witze: Seine Strategie sei diesmal "hinten raus, vorne rein".

Vor dem Spiel gegen die Freizeitkicker Eichsfeld stellen sich die 18 Männer auf dem Rasen zum Mannschaftsfoto auf. Sie tragen die WM-Trikots der deutschen Nationalmannschaft, Weinberg hat die schwarz-rot-goldene Spielführer-Binde angelegt. Weil eine Kamera läuft, singen sie die Nationalhymne. Einer von Weinbergs Leuten bemerkt, dass die Gegner aus Thüringen ja "ganz schön fit" aussähen. Beim FC Bundestag sind fast alle über 50, die Trikots sitzen ziemlich knapp.

"Wir wollen gewinnen, wir nehmen das ernst", sagt Weinberg.

Er ist der Kapitän einer legendären Truppe. Der FC Bundestag existiert seit 1967, große Namen sind mit ihm verbunden: Helmut Kohl war zahlendes Mitglied; Gerhard Schröder, Joschka Fischer, Theo Waigel, Wolfgang Schäuble und viele andere bekannte Politiker versuchten, sich als Abgeordnete auf dem Rasen gegenseitig den Ball abzunehmen. Der FC Bundestag sieht sich als toleranter überparteilicher Haufen, als einziger deutscher Fußballverein, der nicht nur für Fans, sondern für alle Deutschen kickt.

Das ist nun vorbei. In dem Berliner Stadion dreht sich an diesem Abend alles um einen Gegner, der gar nicht da ist, der aber ständig durch alle Köpfe spukt – die AfD.

Bei einer Mitgliederversammlung am 20. Januar hat der FC Bundestag unter der Führung von Marcus Weinberg zum ersten Mal einen Abgeordneten abgelehnt, und das hat immer noch Folgen. Den Antrag eines zweiten Parlamentariers hat der FC im Januar "zurückgestellt": Dieser solle erst mal in einem Gespräch seine politischen Ansichten erläutern. Beide Abgeordnete gehören der AfD an. Zwei weitere Parlamentarier der AfD wurden zwar aufgenommen, haben sich aber bei den ersten Trainingsstunden des Jahres nicht blicken lassen, weil der Streit um die Vorbehalte gegen ihre Parteifreunde schwelt.

Die Krise des FC Bundestag zeigt wie unter einem Vergrößerungsglas, wie schwer sich die Mehrheit im Parlament mit der AfD tut. Wie sie bekämpfen, ohne dass es auf einen zurückfällt? Die AfD hat bereits reagiert und angekündigt, dann gründe sie eben ihren eigenen "Alternativen FC Bundestag". Der stehe für "Sportsgeist und Toleranz" und richte sich "gegen Hass und Ausgrenzung, wie wir es vom FC Bundestag kennengelernt haben".

Auf einmal rückt der Fußball mitten in den scharfen Schlagabtausch, der die Politik seit dem Aufstieg der AfD prägt. Auch auf dem Rasen wollen sich die etablierten Parteien, die alle im FC Bundestag vertreten sind, von den angeblichen Demokratiefeinden abgrenzen. Wäre es nicht besser, jene zu integrieren, die anderer Meinung sind? Und wird die Strategie aufgehen, der AfD vorzuhalten, sie überschreite ständig rote Linien? Zuletzt gab es Anfang Juni große Aufregung über Alexander Gauland, den Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion. Er hatte gesagt, "Hitler und die Nazis" seien "nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte".

Weinberg muss sich jetzt ständig erklären. Welche Gründe sprechen gegen die zwei AfD-Leute? Welche Ansichten darf man nicht vertreten, wenn man beim FC Bundestag spielen will? Und wer bestimmt darüber, welches die richtigen Ansichten sind?

Vier Monate vor dem Spiel im Berliner Jahn-Sportpark sitzt Marcus Weinberg in seinem Büro. Er ist Abgeordneter der CDU, 50 Jahre alt, ein bulliger Typ. Bevor Weinberg Abgeordneter wurde, war er Lehrer in Hamburg. Über seinem Schreibtisch hängt ein großes Foto eines Stadions, es ist die Spielstätte des FC St. Pauli in Weinbergs Heimatstadt. Er trat dem Verein 1975 bei, da war er acht Jahre alt, er kickte lange in Jugendmannschaften.

Der CDU-Abgeordnete Marcus Weinberg ist der Kapitän der legendären Truppe. © Billy & Hells

"Wir kennen das Spiel der AfD", brummt er, die Partei stelle sich gern als Opfer der anderen Parteien dar und versuche daraus Vorteile zu ziehen. Die Mitgliederversammlung habe einstimmig über die beiden Fälle entschieden: Die AfD-Leute, gegen die man Vorbehalte hat, "teilen nicht die Werte, die uns beim FC Bundestag verbinden".

Einer dieser Fußballer, er heißt Sebastian Münzenmaier, ist voriges Jahr wegen "Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung" zu einer Haftstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Es ging um eine Prügelei unter Fußballfans 2012 in Mainz. Münzenmaier soll Hooligans des 1. FC Kaiserslautern, die er gut kannte, den Weg zum Stadion gewiesen haben; dort lauerten sie Anhängern des 1. FSV Mainz 05 auf. Er hat Berufung eingelegt, das Urteil ist nicht rechtskräftig. Münzenmaier ist der Abgeordnete, den der FC Bundestag abgelehnt hat.

Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren