Harald Martenstein Über Fußballbegeisterung

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 25/2018

Ich schreibe dies kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft. Ich liebe Fußball, es ist eine ähnlich hoffnungslose Liebe wie die des Ziegenbocks Timur zu dem Tiger Amur, die sich vor einiger Zeit in einem russischen Zoogehege entwickelt hat. Timur mochte Amur, aber sie waren nicht füreinander geeignet. Oft schreiben Autoren darüber, dass sie in der Schule, wenn es um die Auswahl der Mannschaften ging, immer der Letzte gewesen seien, der vom Teamchef gewählt wurde. Ich finde, es ist demütigender, wenn man immer der Vorletzte ist. Der Letzte ist immerhin eine tragische Figur, ein bisschen Mitleid ist ihm sicher. Der Vorletzte ist einfach nur schlecht.

Ich bin viel gerannt. Die anderen Spieler taten so, als ob ich nicht existierte. Wenn ich völlig frei drei Meter vor dem leeren Tor stand, dann dribbelte mein ballführender Mitspieler lieber eine Weile herum, um auf einen der Stars zu warten, die den Ball dann aus fünfzehn Metern in die Torecke schnibbelten. Ich habe auch aus drei Metern nicht getroffen, weil ich diesen Augenfehler habe. Da, wo ich klar und deutlich das Tor sehe, befindet sich in Wirklichkeit eine Eckfahne. Ich dachte: "Dann werde ich halt Zuschauer."

Ich habe meistens mit meinem Großvater geguckt. Mein Großvater behauptete zeitlebens, dass er mal für Mainz 05 gespielt hat. Es war nur die dritte oder vierte Mannschaft und so was wie die C-Jugend, aber immerhin. Er war klein und dünn, vielfacher Kriegsinvalide und sonst eher ein ruhiger Typ. Sobald der Anpfiff ertönte, verwandelte er sich in ein Raubtier, dem man Koks ins Futter getan hat. Er war der beste Zuschauer, den ich jemals erlebt habe. Vor dem Fernseher redete er ununterbrochen, er sprang auf, fuchtelte mit den Armen und hielt oft in beiden Händen je eine Zigarette, er vergaß einfach alles während des Spiels. Es kam vor, dass er sich nach einem Tor oder einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters auf dem Boden wälzte. Beim Endspiel von 1974 machte er nach dem deutschen Siegtor einen Handstand, was meine Oma so erschreckte, dass ihr die Zigarette aus dem Mund in ihre Schüssel mit Pralinen fiel, die stets vor ihr stand.

Weil der Ton des Fernsehers voll aufgedreht war und mein Großvater mit seinen Kommentaren den Sprecher übertönen wollte, herrschte eine Geräuschkulisse wie auf einem amerikanischen Flugzeugträger, auf dem ununterbrochen Jets landen und starten. Die Katzen waren auf den Balkon geflüchtet, aber aus allen anderen Wohnungen der Straße dröhnte der gleiche Sound, für die Katzen war eine WM eine harte Zeit.

Ich war so fasziniert von diesem Schauspiel, dass ich vom Spiel nicht viel mitbekommen habe. Als Zuschauer bin ich ungefähr so schlecht wie als Spieler, ich sitze einfach nur da. Wenn das Spiel langweilig ist, schlafe ich ein, ähnlich wie meine Oma, unbeeindruckt vom Lärmpegel. Mein Großvater lief bei langweiligen Spielen zu Höchstform auf. Er peitschte die schlappen Spieler nach vorn, er schimpfte, er flehte, er kniete vor dem Fernseher, und wenn dann doch ein Tor fiel, umarmte und küsste er den Fernseher.

Heute fliege ich manchmal mit meinem großen Sohn zu Spielen. Wir waren in Liverpool, beim Spiel des FC Liverpool gegen Arsenal aus London. Liverpool verarbeitete Arsenal zu Kleinholz. Am Rand des Spielfelds aber stand der Liverpooler Trainer, er tobte, sprang, fuchtelte und flehte. Die Torschützen umarmte er mit einer Leidenschaft, die ich das letzte Mal in dem Film Basic Instinct gesehen hatte. Ich kannte diesen Mann. Ich bin der Enkel von Jürgen Klopp.

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"Von ihren Sitzen aufgesprungen, schreien sie, und die einen werfen beide Hände empor, andere lüpfen ihr Gewand, wieder andere springen von der Erde auf, und manche fangen aus Scherz an, mit ihren Nachbarn zu ringen. Denn wirklich aufregende Schauspiele erlauben es den Zuschauern nicht, ihre Fassung zu bewahren. Wer wäre so gefühllos, über einen solchen Kämpfer nicht laut aufzuschreien?" (Flavius Philostrates, Eikones, II,6: Beschreibung eines Bildes vom Pankration, der Königsdisziplin der Olympischen Spiele; zit. nach K.-W. Weeber, Die unheiligen Spiele, 2000, S. 184). Und für Fußball gilt doch immer noch Bill Shankly (FC Liverpool): "Some people believe football is a matter of life and death, I am very disappointed with that attitude. I can assure you it is much, much more important than that".
Und wie bewältigt man die in der Jugend am Ball erworbenen Traumata, lieber Kolumnist?! Ganz einfach - durch selektive Memoria. Für meinen Teil kann ich (am Ball nicht schlecht, aber viel zu laaaangsam) mich nur einer fußballerischen Glanzleistung erinnern: In der Quarta durfte ich die Klassenmannschaft aufstellen - indem ich mich vorher selber rausgelassen hatte. So galt ich als unvoreingenommen und gerecht ...

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