Rap-Musik: "Das wird jetzt etwas gewalttätig"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 25/2018

Neulich kam meine Tochter Luna zu mir, um mir auf ihrem Smartphone ein Video zu zeigen. Luna meinte: "Das wird jetzt etwas gewalttätig ...", sei aber kulturell hochwertig. Ich werde immer vorsichtig, wenn ich "ein bisschen gewalttätig" höre. Ich vertrage Gewalt ganz schlecht. Gewalt, die mir angetan wird, aber auch solche, die ich mir anschauen muss. Ich mag auch keine Gewalt in Songtexten. Luna ist da weniger zimperlich. Sie mag Rap-Musik der eher harten Sorte. Und sie spielt mir gerne vor, was sie gerade so hört. Als ich in ihrem Alter war, wollte ich mich mit der Musik, die ich hörte, von meinen Eltern abgrenzen. Ich hätte einen Teufel getan, ihnen meine Wave-Gothic-Musik vorzuspielen. Aber Luna hat damit keine Probleme. Das Video, das mir Luna zeigte, ging gleich damit los, dass ein tanzender Afroamerikaner einem gefesselten Mann eine Kugel in den Kopf schoss. Später tanzt er noch auf Autodächern und richtet mit einem Sturmgewehr einen Gospelchor hin. Ich wendete mich kopfschüttelnd ab, während mir Luna noch zu erklären versuchte, es ginge bei dieser übertriebenen Gewaltdarstellung doch gerade um die Verurteilung der alltäglichen Gewalt in den USA. Ich bin Luna dankbar dafür, dass sie mich daran teilhaben lässt, was sie mag. Aber manches überfordert mich dann doch. Ihr Lieblingsrapper ist Karate Andi. Karate Andi singt schon mal: "Bring deine Tochter, ich mach ihr ein Kind / Ich fahre Mofa und die Popelbremse flattert im Wind / Ich tanz den Crip Walk, zieh eine Nase / Lass mich tätowieren, kipp mein Bier auf die Straße / Ich baller dir durch deine Ray-Ban, du Punk / Haltet alle mal die Fresse, jetzt wird Breakdance getanzt."

Huch, was ist nur aus dem fröhlichen Mädchen geworden, das ich einmal auf den Schultern durch die Welt getragen habe? Wie kann dieses Mädchen plötzlich Textzeilen goutieren, in denen jemand was durch die Brille geballert bekommt? Man kann mir wirklich nicht vorwerfen, dass ich mich nicht für Lunas Musikgeschmack interessiert hätte. Ich war sogar vor Jahren einmal mit Luna auf einem Konzert der Band Trailerpark. Da stand ich also mit meiner tanzenden Tochter und war der Opa im Saal, während die Jungs auf der Bühne sangen: "Sexualethisch desorientiert: Check! / Und brutal von Tabletten konsumieren: Check!" Luna aber haben diese Texte tatsächlich gefallen.

Meine Vermutung: Diese Zeilen findet sie schon deswegen interessant, weil sie ungezügelt sind und von einer Welt handeln, die kein akademisch geprägter Erwachsener ernsthaft gut finden kann.

Quatsch, meint Luna. Sie sagt, eine Demokratie müsse sich immer daran messen lassen, wie sehr sie Sachen ertragen könne, die man nicht hören wolle. Vor allem, wenn es um Kunst und Musik gehe. In diesem Sinne sei es ihre demokratische Pflicht, solche Rapper zu hören. "Schließlich macht erst das freie Wort ein freies Land aus, oder?" Sie sei gewissermaßen Verfassungspatriotin.

Mittlerweile habe ich gelernt, dass das Video, das mir Luna gezeigt hat, This Is America von US-Rapper Childish Gambino war. Das Stück wird vom Feuilleton gefeiert und wird als schonungslose Anklage der von Alltagsgewalt, Waffenkult und Ignoranz geprägten amerikanischen Gesellschaft gehandelt. Das nächste Mal höre ich länger zu, wenn mir meine Tochter Kultur beibringt.

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