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Ulrich Wickert "Wir hatten keine Angst vor Hierarchien"

Ulrich Wickert wollte Verantwortung übernehmen und lernte von einem Dekan, keine Angst zu haben. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 25/2018

ZEITmagazin: Ihr Leben, Herr Wickert, fiel in eine glückliche Epoche: Der Krieg war vorbei, und es folgte eine einzigartig lange Friedensperiode. Prägt das den Charakter?

Ulrich Wickert: Bestimmt, aber in den Köpfen war der Krieg noch drin. Meine Familie ist erst nach dem schlimmen Hungerwinter 46/47 aus Japan, wo mein Vater an der deutschen Botschaft arbeitete, nach Deutschland zurückgekehrt. Doch die Wirkungen des Krieges habe ich noch mitbekommen. 1947 zogen wir vom Sauerland nach Heidelberg, und ich erinnere mich, wie es da die erste Schlossbeleuchtung gab, ein großes Feuerwerk, das das Schloss illuminierte. Die Menschen versammelten sich auf der Neckarwiese und schauten dem Feuerwerk zu. Dazwischen aber standen amerikanische Panzer mit Soldaten, die Maschinengewehre trugen: Man traute diesen Deutschen noch nicht. Und in der Tat, die deutsche Gesellschaft war noch lange total naziverseucht. An den Universitäten verhinderten die Professoren, dass Exil-Wissenschaftler zurückkehrten, und in den Gerichten saßen die alten Nazi-Richter.

ZEITmagazin: Sie machen immer so einen überwältigend heiteren Eindruck. Woher kommt das eigentlich?

Wickert: Ich weiß es nicht. Vieles ist auch Genetik. Mir erscheint ja meine eigene Heiterkeit absolut normal. Ich habe sie mir wie etwas Kindliches bewahrt. Ich kann wahnsinnig laut lachen, das tut mir gut. Es führt zu Optimismus in vielen Dingen.

ZEITmagazin: Sie haben keine Erklärung für Ihr Naturell?

Wickert: Vielleicht liegt es daran, dass meine Mutter eine Rheinländerin war, aus Köln. Aber das Wichtigste im Leben ist, dass Ihnen als Kind Selbstvertrauen mitgegeben wird. Dieses Gefühl: Du musst keine Angst haben!

ZEITmagazin: Das ist Ihren Eltern gelungen?

Wickert: Es gibt ein Erlebnis, das ich nie vergessen habe. Ich bin 14 Jahre alt und fliege aus dem Konfirmationsunterricht, weil ich dem Pfarrer in den Mantel geholfen, aber gleichzeitig den Ärmel zugedrückt habe. Haha, fanden wir das alle komisch – nur der Pfarrer nicht. Der schrieb einen Brief an meinen Vater: Ihr Sohn wird wegen Unreife des Konfirmationsunterrichts verwiesen! Diesen Brief musste ich meinem Vater überbringen. Der las und zerriss ihn und sagte: "Komm, reg dich nicht auf!" So was hilft sehr!

ZEITmagazin: Gab es später eine Situation, in der Ihnen dieses Selbstvertrauen geholfen hat?

Wickert: Es gab ein ähnliches Erlebnis während meiner Studienzeit. Ich war, das muss 1963 gewesen sein, gerade aus den USA zurückgekommen und studierte in Bonn Jura und Politikwissenschaft. In den USA hatte ich gelernt: Du musst Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Also ließ ich mich in Bonn fürs Studentenparlament aufstellen und erhielt mit meiner Forderung nach besserem Mensa-Essen das zweitbeste Ergebnis. Doch dann las ich in der ZEIT einen Artikel von Walter Boehlich, der dem neu gewählten Rektor der Uni, Hugo Moser, vorwarf, ein alter Nazi zu sein. Ich fand, dies müsse auch an der Uni diskutiert werden. So hatte ich das in Amerika gelernt, aber in Bonn sollte die Diskussion unterbunden werden.

ZEITmagazin: Wie hat man das zu verhindern gesucht?

Wickert: Allenthalben hieß es zum Beispiel, es gebe keinen Saal. Und die Kommilitonen fragten mich: "Willst du hier eigentlich noch Examen machen?" Ich organisierte dann ein ganz kleines Treffen mit ein paar Professoren, Studenten und Rudolf Walter Leonhardt, der damals Feuilleton-Chef der ZEIT war. Es war keine öffentliche Diskussion, ich veröffentlichte jedoch hinterher in der Frankfurter Rundschau, wie die Universität die Aufarbeitung verhindert hatte. Daraufhin gab es große Aufregung. Der Senat stellte den Antrag, mich der Universität zu verweisen, weil ich diese beschmutzt hätte. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, als mich Wolfgang Schmidt, der Dekan der Philosophischen Fakultät, aufforderte, zu ihm nach Hause zu kommen – man dürfe uns nicht zusammen an der Uni sehen. Er erzählte mir vom Antrag des Senats und dass er selbst daraufhin erklärt habe, wenn das passiere, trete er unter Protest als Dekan zurück und erzähle die Geschichte dem Spiegel. Vor ihm lag ein Manuskript, an dem er die ganze Nacht geschrieben hatte. Der Senat hat die Sache dann fallen gelassen und über alles geschwiegen.

ZEITmagazin: Das Verhalten des Dekans hat Sie nachhaltig beeindruckt?

Wickert: Sein Einsatz hat mir für den Rest des Lebens unheimlichen Mut gemacht. Da war jemand, der sagt: Du hast recht. Ich verinnerlichte den Satz: Ich stehe hier und kann nicht anders! Die Generation, die damals aufgewachsen ist, ist eine Generation ohne Angst. Wir hatten keine Angst vor Hierarchien.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Christine Meffert und Khuê Phm zu
den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Schönen Dank für diese heitere, rückgratbetonte Zeitzeugenschaft! Nur eine kleine (universitätsgeschichtlich aber bedeutsame) Beckmesserei: 1964/65 war Dekan der Philosophischen Fakultät zu Bonn nicht Wolfgang Schmidt(-Hidding), Anglist und als alter Nazi erst 1961 wieder auf sein Ordinariat in Bonn zurückgekehrt, sondern der Altphilologe Wolfgang Schmid, der sich einen Namen mit der wissenschaftlicher Erforschung der christlichen Apologetik gemacht hatte. Das Studienklima in den Bonner Geisteswissenschaften war aber damals durchaus von einem verdrucksten Nationalkonservatismus ehemaliger Nazis geprägt: Nicht nur Hugo Moser, auch Leo Weisgerber, Benno von Wiese, Franz Steinbach, Franz Petri wären zu nennen. "Kulturraumforschung" schloß aber nicht akademische Feigheit unter den Talarträgern aus. Kundige Spötter bezeichneten wenig später die als erste Frau auf einen Lehrstuhl berufene Historikerin Edith Ennen als "den einzigen Mann in der Fakultät".