Harald Martenstein Über bequeme Tugenden

Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 26/2018

Ich habe auf Facebook einen neuen Begriff gelernt, der frisch aus dem Englischen eingewandert ist. Er heißt virtue signalling. Wie könnte man das übersetzen? "Tugendsignalisierung" geht wohl kaum. Demonstrative Gutheitsbekundung? Im Urban Dictionary, einem Wörterbuch der Modewörter, wird virtue signalling mit einem kleinen Dialog erklärt.

Fred: "Ich sehe gerade, dass George sein Profilbild geändert hat, um seine Unterstützung für Flüchtlinge zu zeigen."

Barbara: "Hat er Geld gespendet oder Zeit investiert? Gibt er Sprachunterricht? Stellt er ein Zimmer zur Verfügung?"

Fred: "Nein, es ist nur virtue signalling."

Am besten funktioniert virtue signalling allerdings, indem man seinen Abscheu zum Ausdruck bringt, geeignet sind Sätze wie "Ich hasse diese gierigen Banker" oder "Ich kann gar nicht erwarten, dass die alten weißen Männer endlich aussterben". Diese Sätze sind natürlich milieuabhängig, im rechten Milieu oder in Bankerkreisen erfüllen andere Sätze die gleiche Funktion. Virtue signalling zeigt auf bequeme Weise, wo man hingehört, ähnlich wie einst der Anti-Atomkraft-Aufkleber oder Hirschhornknöpfe am Jackett. Ich bin einer von den Guten, ich bin wie ihr. Man muss es negativ formulieren, sonst würde es zu eitel klingen – diese Erkenntnis verdanke ich dem Guardian-Kolumnisten David Shariatmadari. Mit Sätzen wie "Ich habe mehr Mitgefühl für Arme als die meisten anderen" entlarvt man sich ja sofort als eitler Fratz. "Ich hasse reiche Banker" geht da schon eher.

Der Erfinder des Begriffs heißt James Bartholomew, er hat ihn in der Zeitschrift The Spectator 2015 zum ersten Mal verwendet und sieht sich jetzt, keineswegs uneitel, als Wortschöpfer in einer Liga mit Shakespeare und Thomas Carlyle. Wussten Sie, dass Shakespeare das Wort uncomfortable für "unbequem" und assassination für "Mord" erfunden hat? Ich nicht. Von Carlyle stammen environment für "Umwelt" und die Formulierung dry as dust.

Ab einem gewissen Punkt nützt virtue signalling natürlich nichts mehr. Der junge Wolf Biermann hat ständig erklärt, dass er die DDR im Grundsatz für das bessere System halte, er sehe nur manches kritisch. Virtue signalling hat ihn nicht vor der Ausbürgerung bewahrt. Ich habe oft geschrieben, dass ich den Feminismus im Grundsatz für richtig halte und nur gewisse Übertreibungen ablehne. Das nützt nichts, man muss alles gut finden. Nach meiner letzten Entgleisung, einer Kolumne über Frauenquoten auf wissenschaftlichen Literaturlisten, nannte mich die Kollegin Karla Paul auf Facebook "gesellschaftsschädigend". Das ist wirklich voll der DDR-Sound und schreit nach Ausbürgerung des Schädlings. Karla Paul kenne ich, sie trägt gern ein T-Shirt mit der Aufschrift "Make Feminism Great Again". So wird das aber nichts, Karla. Die DDR ist gegen die Wand gefahren.

Ich war überrascht, als ich den Post von Julia Karnick las, die mal eine gute Kolumne für Brigitte geschrieben hat. "Als ich [im ZEITmagazin] Tillmann Prüfers neue Kolumne über seine Töchter gesehen habe, bin ich richtig wütend geworden. Eine neue Kolumne wäre die Gelegenheit gewesen, mal eine junge Frau selbst schreiben zu lassen – auch als Gegengewicht zu Martenstein. Stattdessen darf nun ein Vater über die jungen Frauen in seiner Familie schreiben." Wenn alle nur noch über ihresgleichen schreiben, dann wird es schnell langweilig, Julia. Schwebt Ihnen ein Apartheidsystem vor? Getrennte Zeitungen, Parkbänke und Aufzüge? Hat sich auch nicht bewährt. Wir werden einander wohl aushalten müssen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Nur nicht beeindrucken lassen von den sog. Wortschöpfern, lieber Kolumnist. Mr. Bartholomew hat Ihnen einige veritable Wortbären aufgebunden - vermutlich weil er mehr Thesenstärke an sich hat als Recherchelust. Natürlich hat Shakespeare die Wörter "uncomfortable" und "assassination" nicht erfunden - das ist schon beim Merriam-Webster, 10 words Shakespeare never invented, nachgewiesen. "Assassination" wurde 1572 brieflich von Dr. Thomas Smith erwähnt - der Begriff stammt ohnehin aus dem Französischen und wurde von den Templern aus dem Nahen Osten auch nach London mitgebracht . "Uncomfortable" schrieb der Earl of Shrewsbury 1534 an Thomas Cromwell - das mittellateinische "incomfortabilis" läßt grüßen ...
Die angesprochene "Signalwirkung der Tugend" könnte aber die Rückkehr zum "Furor virtutis" der Französischen Revolution anklingen lassen (die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges hat das leider den Kopf gekostet - sie war eben gemäßigte Girondistin). Was mich verblüfft, ist, daß ausgerechnet kämpferische Damen "tugendreiche" Listen favorisieren - obwohl das Eintreten für die "virtus" ein durch und durch männliches Unterfangen zu sein scheint: "Signalling" ist ja nichts anderes als "Splendor", "Clamor", "Clangor" - was für eine Häufung männlicher Eigenschaften, die im Französischen alsbald feminine Artikel erhielten: La splendeur, la clameur, la ... terreur. Oh! Die wilde Hilde (Benjamin, Justizministerin der DDR) und der lila Drachen Margot lassen aus der DDR grüßen.

Papa, Charly hat gesagt …
seine Mama ist sauer auf Onkel Harald. Weil der über „Vier-Tore-Sieg-schnell“ gemotzt hat, dabei hat er keine Ahnung von Frauen und Fußball“. „Ach, meinst du: die Tugend von Toren, die gerade mal zwei geschossen haben?!“ „Papa, das ist jetzt gar nicht kroosartig. Charlys Mama wäscht jeden Tag sein Trikot vom Toni, wo schon vier Sternchen drauf sind“. „Diese Art von Tugend ist aber das falsche Signal …“ „Sagt Charlys Papa auch, wenn der Schiedsrichter einen Bildschirm in die Luft malt, so‘n Femino-Beweis“. „Wieso? Tut Video wahrem Fußball Gewalt an?“ „Nee, Papa – weil Frauen immer alles ganz genau wissen wollen“. „Und was ist daran falsch?“ „Weil Charlys Papa dann anfängt zu singen: Video kills …“ „…Mythos Star?! Kickende Männchen sind auch nur Sternchen!“ „Papa, woher weißt du, was Charlys Mama auf ihrem Trikot stehen hat?“ „Was hat sie? Da siehst du mal. Warum müssen Frauen immer so negativ sein?“ „Sind sie gar nicht, Papa! Sie hat noch ein zweites Trikot – da stehen vier Sternchen drauf, aber anders. „ „??“ „Die alten Weltmeister - untereinander!
Rahn*in – kleines_dickes_Müller*in – Matthä*am_letzten – Götzimaus*in“.
„Wie heißt Charlys Mama?“ „Birgit Angerer“. „Gib mir schleunigst die E-Mail-Adresse von Onkel Harald!“