Höhlenmalerei Jagen, sammeln, malen

Wann der Mensch begann, auf den Fels zu zeichnen, schien lange festzustehen – vor etwa 30.000 Jahren. Aber jüngste Entdeckungen zeigen: Nein, es geschah viel früher. Die Beweise haben wir uns in südeuropäischen Höhlen angeschaut. Von
ZEITmagazin Nr. 26/2018

Der Monte Castillo im Norden Spaniens ist ein Berg von so perfekter Kegelform, dass man sich schwertut, ihn als ein Werk der Natur anzusehen. Er erhebt sich über einem Flusstal und enthält nicht weniger als 40 Höhlen. Während der letzten Eiszeit, die vor 10.000 Jahren zu Ende ging, diente der Monte Castillo zur Orientierung und als Stützpunkt für die Jäger und Sammler. Dirk Hoffmann, ein Physiker aus Leipzig, hat mich eingeladen, ihn zu diesem Berg zu begleiten. Hoffmann ist ein Experte für die Datierung sehr alter Farbaufträge. Er will mir eine Entdeckung zeigen, von der er sagt, sie werde unsere Vorstellung von der frühen Menschheitsgeschichte auf den Kopf stellen.

Wir zwängen uns durch eine kaum schulterbreite Spalte ins Innere des Berges. Zuerst verschluckt der Fels den drahtigen Dirk Hoffmann. Dann geht Alistair Pike, ein englischer Archäologe von kräftiger Statur, mit dem Hoffmann zusammenarbeitet. Als Dritter mache ich mich auf den Weg. Mir folgt der Bewacher, den die Zentralregierung in Madrid uns mitgegeben hatte, weil selbst Wissenschaftler die normalerweise gesperrte Höhle nur unter Aufsicht betreten dürfen.

Mehrere Windungen der Spalte lassen den letzten Schein Tageslicht verschwinden, und da ist nur noch das schwache Licht unserer Stirnlampen. Die Kluft wird zu einem Gang, den wir im Gänsemarsch ohne Mühe durchqueren. Plötzlich stehen wir in einer Art Halle. Dies ist die Pasiega-Höhle, sie scheint die Ausmaße eines Dorfkirchenschiffs zu haben. Über unseren Köpfen hängen Tropfsteine, die zu einem dichten, immer wieder von länglichen Löchern unterbrochenen Vorhang verwachsen. Auf einem kleinen Absatz in der Wand liegen Knochen.

Der Fels an der anderen Seite ist glatt. Von dort sieht ein Bison uns an. Das Tier ist mit spärlichen, aber elegant geschwungenen Rötelstrichen gezeichnet und, an seinen Geschlechtsteilen deutlich erkennbar, ein Bulle. In seinem Rücken steckt ein Speer. Über unseren Köpfen wechseln zwei Hirschkühe Blicke. Zwischen ihnen zieht sich eine Felsrille die Wand hinab, sodass es scheint, als hätten die beiden Tiere auf den gegenüberliegenden Ufern eines Flusses Stellung bezogen. Andere Bilder bestehen nur aus einem Gewirr eingravierter Linien, in denen ich nach einiger Betrachtung Pferde und Auerochsen erkenne.

Am merkwürdigsten mutet die Verzierung einer länglichen, fast mannshohen Öffnung im Tropfsteinvorhang an. Das Loch ist innen rot angemalt und mit Strichen umrahmt, die wie Haare aussehen, sodass man nicht umhinkann, an ein weibliches Geschlechtsorgan zu denken. Wer immer die Urheber waren: Dachten sie sich die Erde als weiblich? Stellten sie sich vor, dass sie die in der Höhle gezeichneten Tiere gebiert?

Meine Begleiter leuchten eine stark verblasste Rötelzeichnung mit einer Handlampe ab. Sie zeigt die Umrisse eines springenden Hirsches. Von allen Seiten sind Linien in Form eines Quadrats um das Tier gezogen, als wäre der Hirsch in eine Falle geraten. An manchen Stellen trägt die Zeichnung weiße Pusteln.

Hoffmann zieht ein Skalpell aus seinem Rucksack. Da wird der Aufpasser lebendig und nähert sich misstrauisch, während Hoffmann das Skalpell an einer der Pusteln ansetzt und vorsichtig zu schaben beginnt. Mit der linken Hand hält er ein Plastikröhrchen, dorthinein rieselt das weiße Pulver, das er abkratzt.

Das Pulver ist Kalk. Vermutlich ist dieser mehr als 60.000 Jahre alt, sagt Hoffmann. Das haben Analysen von früheren Besuchen ergeben, Hoffmann hat bereits Kalk von dem quadratischen Rahmen entnommen, die Untersuchung ergab ein Alter von 64.800 Jahren. Jetzt will er das Bild selbst prüfen. Der Kalk ist ausgefallen, als Wasser auf das Bild tropfte und verdunstete. Also muss das Bild noch älter sein. 65.000 Jahre, 70.000 Jahre, vielleicht 100.000 Jahre, niemand kann es sagen.

Das also ist die Sensation, die Hoffmann versprochen hat. Denn vor 65.000 Jahren lebten keine modernen Menschen in Europa – unser Kontinent war von Neandertalern besiedelt, die vor ungefähr 30.000 Jahren ausgestorben sind. Von ihnen müssen die Linien auf dem Fels stammen. Dabei glaubten bisher fast alle Wissenschaftler, Neandertaler seien weniger intelligent gewesen als der Homo sapiens und nicht in der Lage, solche Bilder anzufertigen. Viele bezweifelten sogar, dass Neandertaler sprechen konnten. Hier ist der Beweis, dass diese Menschen in Symbolen und Zeichen dachten. Die Neandertaler waren Künstler.

Was brachte Menschen vor so langer Zeit dazu zu malen? Was wollten sie ausdrücken? Wozu dienten ihre Bilder?

Bisher datierte man den Anfang der Kunst auf die Zeit vor gerade einmal 40.000 Jahren. Das war, als die ersten Exemplare des Homo sapiens, aus Afrika kommend, sich in Europa niedergelassen hatten. Damals entstanden in Höhlen auf der Schwäbischen Alb Tierfiguren aus Elfenbein, die bis heute ältesten bekannten Skulpturen. Vor rund 32.000 Jahren dann bemalte jemand die Wände der französischen Chauvet-Höhle mit Tierdarstellungen von atemberaubender Perfektion. Bis Hoffmann und Pike in den letzten Jahren ihre ersten Entdeckungen in Nordspanien gelangen, waren dies die ältesten bekannten Bilder der Menschheit.

Nach Ankunft des Homo sapiens in Europa habe sich eine "Explosion der menschlichen Kreativität" ereignet, so drückt der tonangebende französische Prähistoriker Jean Clottes es aus: Plötzlich hätten Menschen – durch eine genetische Veränderung ihrer Gehirne ausgelöst? – angefangen, in Symbolen zu denken, Zeichnungen herzustellen. Von da an habe der menschliche Einfallsreichtum die Welt erobert. Der Ursprung der Fantasie aber sei Europa, ihr Alleinbesitzer der Homo sapiens gewesen.

Der schmeichelhafte Irrtum vom europäischen Homo sapiens als Erfinder der Kunst erklärt sich daraus, dass die Forscher einfach nicht genau genug hingesehen haben. Höhlen anderer Kontinente wurden niemals gründlich durchsucht. Wie lohnend Forschungen außerhalb Europas sein können, zeigten Archäologen im November des vorigen Jahres. In Höhlen der indonesischen Insel Sulawesi entdeckten sie Felszeichnungen, die den aus Europa bekannten Bildern ähnelten, aber mehr als 3000 Jahre älter waren als diese.

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren