Namika "Nachts konnte ich nicht schlafen aus Sorge, meiner Mutter könnte etwas passieren"

© Ruben Riermeier
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 26/2018

Lange Zeit habe ich davon geträumt, meinen Vater kennenzulernen. Er hat meine Mutter verlassen, bevor ich geboren wurde. Als Kind hatte ich deshalb das Gefühl, mir würde etwas fehlen. Besonders bewusst wurde mir das, wenn ich bei Freunden zu Besuch war. Ich fand es zwar schön, zu sehen, dass Familie auch anders funktionieren kann. Aber ich fragte mich, warum mein Vater uns allein gelassen hatte. Und ob mein Leben wohl anders verlaufen wäre, wenn er bei uns geblieben wäre.

Auf meine Fragen hat meine Mutter lange Zeit nur ausweichend geantwortet. Sie wollte nicht, dass ich einen Groll gegen meinen Vater hege. Ich habe das zuerst nicht verstanden. Erst später wurde mir klar, wie selbstlos das von ihr war, nach allem, was er ihr angetan hatte.

Mein Vater lernte meine Mutter in Marokko kennen, als sie gerade zu Besuch bei ihren Verwandten dort war. Er hielt um ihre Hand an, und gemeinsam gingen sie nach Frankfurt, wo meine Mutter mit ihren Eltern lebte. Mein Vater kam aus einer wohlhabenden Familie, doch in Deutschland musste er plötzlich arbeiten und sich um seine schwangere Frau kümmern. Mit dieser neuen Situation kam er nicht klar.

Er fing an, dem schnellen Geld hinterherzurennen. Er geriet an die falschen Leute und dealte mit Drogen. Irgendwann wurde er dabei erwischt, festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Meine Mutter erfuhr davon nichts. Sie war allein, hochschwanger und so verzweifelt, dass sie ihren Mann mit Privatdetektiven suchen ließ. Erst viel später hat sie erfahren, dass er verurteilt und längst zurück nach Marokko abgeschoben worden war.

Als ich 14 Jahre alt war, befanden meine Mutter und meine Großeltern mich für alt genug, um meinen Vater kennenzulernen. Ich wollte in den Sommerferien nach Marokko fliegen und ihn besuchen. Doch dazu kam es nicht. Ich saß eines Nachmittags im Wohnzimmer meiner Großeltern in Frankfurt, als das Telefon klingelte: ein Anruf von den Eltern meines Vaters. Sie teilten uns mit, dass mein Vater an Krebs gestorben war. Er war erst 42.

Meine Mutter hatte in der Zwischenzeit noch einmal geheiratet. Leider war die Ehe mit meinem Stiefvater auch keine glückliche. Er trank viel, das machte ihn oft unberechenbar. Einmal eskalierte eine harmlose Situation zwischen ihnen. Er griff nach einer Vase und schmiss sie an die Wand, während ich danebenstand. Danach hatte ich immer Angst um meine Mutter. Nachts konnte ich nicht schlafen aus Sorge, ihr könnte etwas passieren. Aus diesem Grund musste die Tür meines Zimmers immer einen Spalt breit offen sein. Ich kauerte in meinem Bett, und wenn ich Schritte hörte, stellte ich mich schnell schlafend. Eines Abends wurde es mal wieder lauter, ich hockte in meinem Zimmer und bekam alles mit. Plötzlich hörte ich die Wohnungstür krachend ins Schloss fallen: Meine Mutter hatte meinen Stiefvater rausgeschmissen. Gleich darauf kam sie zu mir ins Zimmer gerannt. Ich sprang aus meinem Bett und fiel ihr vor Erleichterung um den Hals. Wir haben gefeiert, als ob es ein Geburtstag wäre.

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