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Sophie Passmann "Die Waffe der Frau: Bildung"

Die 24-jährige Komikerin Sophie Passmann wird von älteren Männern manchmal bevormundet. Was tut sie dagegen? Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 26/2018

ZEITmagazin: Frau Passmann, Sie sind Komikerin und Autorin. Erinnern Sie sich an Ihre erste Geschichte?

Sophie Passmann: Sie hieß Das Baseballspiel und war sehr kurz. Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen, es war sehr behütet. Ich glaube, deswegen habe ich angefangen zu schreiben. Ich wünschte mir etwas Spannendes und Außergewöhnliches. Beim Schreiben ging ich in Welten, in denen mein Leben 30-mal cooler war als in Wirklichkeit.

ZEITmagazin: Mit 15 haben Sie bei Ihrem ersten Poetry-Slam mitgemacht. Was hat Sie dazu gebracht, sich auf eine Bühne zu stellen?

Passmann: Mein Riesen-Mitteilungsdrang und ein bisschen Mut, den ich mir bei meinen ersten Auftritten angetrunken habe. In so einer Situation kann man ja total scheitern. Aber man nimmt es in Kauf, weil einem Leute eine Bestätigung geben, die man sich nicht selbst geben kann: dass man toll und liebenswert ist.

ZEITmagazin: Waren Sie ein trauriger Teenager?

Passmann: Ja, sehr. Ich gehörte zu der Kategorie Teenager mit Weltschmerz. Ich hatte Phasen, in denen ich wirklich traurig war. Slammen war für mich eine Möglichkeit, dem eine Zeit lang zu entkommen.

ZEITmagazin: Gibt es viele Komiker, die andere zum Lachen bringen, selbst aber ganz anders ticken?

Passmann: Ich glaube, es gibt Entertainer, die im echten Leben auch wirklich Entertainer sind. Und die, die mit sich selbst hadern. Ich bin die, die mit sich und der Menschheit hadert. Die auf die Bühne geht, darüber Witze macht und hinterher froh ist, dass sie nicht auf die Party mitgehen muss.

ZEITmagazin: Warum gehen Sie da nicht hin?

Passmann: Ich war nie ein Partymensch. Ich habe mich entweder viel zu doll betrunken und Scheiße gebaut oder bin um zehn Uhr nach Hause gegangen. Als Künstler kokettiert man natürlich gern damit, nicht mit Menschen zu können und awkward zu sein. Das ist viel liebenswürdiger, als zu sagen: Ihr interessiert mich nicht.

ZEITmagazin: Was glauben Sie: Haben Sie es als lustige Frau karrieretechnisch leichter oder schwerer als männliche Kollegen?

Passmann: Das hängt vom Markt ab, und es gibt gerade eine Nachfrage nach lustigen Frauen. Bei der Planung vieler Shows heißt es oft: Wir brauchen noch eine Frau. Auf der Ebene habe ich es leichter, weil ich Anfragen bekomme, die ich als Mann nicht zwangsweise bekommen hätte. Aber wenn man zwei Schritte zurückgeht, muss man sagen: Krass! Wir haben 2018, und das Öffentlich-Rechtliche bekommt es nicht hin, dass 50 Prozent seiner Komiker weiblich sind.

ZEITmagazin: Vielleicht sind Frauen weniger lustig.

Passmann: Kennen Sie in Ihrem Bekanntenkreis gleich viele lustige Frauen wie Männer? Ich glaube, ich kenne mehr lustige Männer. Es liegt an der Erziehung. Mädchen kriegen vermittelt, dass Lächeln und Nettaussehen wichtiger sind als Sprücheklopfen. Außerdem hat Humor etwas mit Intelligenz zu tun. Ich habe mal auf Twitter einen Witz gemacht, dessen Pointe ein offensichtlicher Logikfehler war. So was wie: "Alle Allgäuer trinken Milch, alle Milchtrinker sind Allgäuer." Daraufhin hat der damalige Chefredakteur einer großen Tageszeitung geantwortet, ich solle mal besser ein Logikseminar belegen. Für Humor muss man ja Dinge verstanden haben, und das hat er mir nicht zugetraut.

ZEITmagazin: Wer unter 50 und weiblich ist, wird oft nicht ernst genommen.

Passmann: Das kann ich nicht komplett ändern. Aber ich kann alles tun, um keine Angriffsfläche zu bieten. Ich mache zum Beispiel öfter Witze über Lohnungleichheit und bekomme dann von älteren Herren im Internet erklärt, warum der Gender-Gap von 21 Prozent statistisch so nicht stimme. Dann sage ich: Ich habe an der Uni Statistik-Tutorien gegeben, das brauchst du mir nicht zu erklären. Vor allem: Du hast es mir gerade falsch erklärt. Diese Momente sind die schönsten.

ZEITmagazin: Ist das Ihre Art, sich gegen Hochmut zu wehren?

Passmann: Ja. Die Waffe der Frau: Bildung. Ich lebe in einem System, in dem man als junge lustige Frau mehr machen muss als ein Kerl. Ich habe mein Studium schneller beendet, als ich gemusst hätte. Ich lese wie besessen. Es ist eine Mischung aus Besessenheit und Fleiß.

ZEITmagazin: Ich dachte, Ihrer Generation läge so viel an Work-Life-Balance.

Passmann: Letztens hat mir eine Politikerin gesagt: "Sophie, du sagst nie wieder ein Panel ab. Es ist so wichtig, dass junge Frauen ihr Gesicht in die Kamera halten." In manchen Situationen werde ich dann vielleicht in die Rolle eines Vorbilds gedrängt. Das ist ein bisschen niedlich, weil ich keinen Wert darauf lege, das langfristig zu sein. Aber es wäre ja scheinheilig, das Problem anzuprangern und zu ignorieren, dass man selbst Teil der Lösung sein kann.

Das Gespräch führte Khuê Pham. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Christine Meffert zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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