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Andreas Mühe "Schaut man zurück, findet man lauter Scherben"

Die komplexe DDR-Geschichte seiner Familie lässt den Fotografen Andreas Mühe nicht los. Und inspiriert seine Arbeit. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 27/2018

ZEITmagazin: Herr Mühe, Sie sind in Ost-Berlin aufgewachsen. Welche Bilder sind Ihnen aus dieser Zeit im Kopf geblieben?

Andreas Mühe: Grundsätzlich kommt mir die Welt von damals sehr grau vor. Der Putz war grau, die Hinterhöfe waren nur von ein bisschen Grün aufgehellt. Die Farben kamen erst mit dem Sanierungswahn in den Neunzigerjahren.

ZEITmagazin: Die Bilder waren grau. War es die Zeit an sich auch?

Mühe: Nein, ich hatte eine ganz schöne Kindheit. Ich bin mit meinem Bruder bei meiner Mutter aufgewachsen, mein Vater lebte mit seiner zweiten Frau woanders in Berlin. Meine Mutter war Regisseurin und ist oft mit uns umgezogen, je nachdem, wo das Engagement war. In dem Moment war das traurig, aber im Nachhinein hat es sich als gute Schule erwiesen. Wir mussten uns auf so viele neue Dinge einstellen, haben viel gesehen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie den Umbruch von 1989 erlebt?

Mühe: Meine Mutter sagte immer: Wenn ich mal nicht nach Hause komme, müsst ihr nicht zur Schule gehen. Dann könnt ihr euch ein Knäckebrot holen und auf mich warten. Sie dachte wohl, dass sie vielleicht einkassiert werden könnte. Aber als Kinder haben wir das nicht begriffen. Wir haben gehofft, dass sie nicht nach Hause kommt, damit wir nicht in die Schule gehen müssen. Wir waren zu klein, um die Verhältnisse zu durchschauen.

ZEITmagazin: Ihr Vater Ulrich Mühe war bereits in der DDR ein Superstar. Was hat sich nach 1989 verändert?

Mühe: Ich habe seine letzte große Vorstellung in der DDR gesehen, Die Hamletmaschine von Heiner Müller, ein Stück von achteinhalb Stunden. Ich war acht oder neun Jahre alt. Wir hatten eine Loge und haben da gepennt, sind aufgewacht und haben wieder gepennt. In den ersten Jahren nach dem Mauerfall sah mein Vater keinen großen Sinn mehr im Theater und hat vor allem Filme gedreht. Vielleicht hatte Theater in der DDR eine andere Wichtigkeit. Man konnte gegen etwas anspielen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie den Westen erlebt?

Mühe: Meine Eltern mussten sich neu arrangieren mit dem Leben, die haben sehr viel gearbeitet. Meine Generation war sehr frei, vielleicht ein bisschen zu frei. Meine Freunde und ich sind mit dem Rad in ganz Berlin ausgeschwärmt, wir haben uns die Stadt erobert. Überall sahen wir große Brachen, die leer waren. Bauruinen. Wie nach dem Krieg sah das hier aus. Der ganze Potsdamer Platz war eine riesengroße grüne Wiese mit dem Weinhaus Huth in der Mitte.

ZEITmagazin: Eigentlich schön, diese Erinnerungen.

Mühe: Total. Irgendwann muss ich eine Ausstellung über diese Zeit machen. Über mein Erwachsenwerden in den Neunzigerjahren. Wie wild diese Stadt war. Toll.

ZEITmagazin: Haben Ihre Eltern Sie dabei unterstützt, Fotograf zu werden?

Mühe: Da sie selber Künstler waren, hatten sie dafür viel Verständnis. Es gab nur einen Wunsch: Werde bitte nicht Schauspieler. Es ist so ein trauriger und einsamer Beruf, außerdem wäre es mit dem Vater sicher schwierig geworden.

ZEITmagazin: Ihre Halbschwester Anna-Maria ist trotzdem Schauspielerin geworden.

Mühe: Sie hatte es sicher auch schwer, ihre Mutter war ebenfalls eine sehr gute Schauspielerin. Trotzdem würde ich sagen, dass eine Tochter mit dem Vater nicht auf dieselbe Art verglichen wird wie der Sohn. Ich bin stolz darauf, wie sie ihren Weg gegangen ist. Wir stehen uns nah.

ZEITmagazin: Anfang der 2000er-Jahre warf Ihr Vater Anna-Marias Mutter Jenny Gröllmann vor, sie habe ihn bespitzelt. Hat das die Familie belastet?

Mühe: Dazu möchte ich nichts sagen. Nur so viel: Ich habe immer ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern gehabt. Die Nebenkriegsschauplätze gehören halt dazu.

ZEITmagazin: Sie beschäftigen sich seit Längerem künstlerisch mit dem Konzept von Zeitreise und der Vergangenheit der eigenen Familie. Was interessiert Sie an diesem Thema?

Mühe: Je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass die Zeit zerrinnt. Und was ist außer der Familie im Leben überhaupt noch wichtig? Selbst Freunde, die ihre Familie 15, 20 Jahre lang abgelehnt haben, laufen jetzt nach Hause. Es geht bei dem Projekt um die eigene Vergangenheit und Zukunft. Es geht um die Frage, wo man herkommt. Um das eigene Ich.

ZEITmagazin: Die Familie holt Sie wieder ein.

Mühe: Ich bin selber Vater und frage mich: Was gibst du deinen Kindern mit? Und wie war das damals, als du noch selbst ein Kind warst? Schaut man zurück, findet man lauter Scherben. Familie, das ist Fluch und Segen. Und das Schönste der Welt.

Das Gespräch führte Khuê Phạm. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Christine Meffert zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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