Bauchketten An die Kette gelegt

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 27/2018

Es ist immer wieder erstaunlich, womit man sich in der Mode so behängt – und warum man es tut. Eben ist die Taillenkette zurückgekehrt, zu sehen als goldener Münzgürtel bei Versace und als Kette mit bunten Anhängern bei Balenciaga. Auch Maison Margiela hat einen Gürtel mit Kettengliedern im Programm.

Die Hüftkette hatte ihre große Zeit Ende der Neunzigerjahre, als die tief sitzende Hüfthose aus der Mode nicht wegzudenken war. Wenn es der Hose schon nicht gelang, dann lenkte spätestens das Kettchen die Aufmerksamkeit auf die Region knapp unterhalb des Bauchnabels. Es war die Zeit, als alles bauchfrei sein musste. Und das bedeutete vor allem: Man durfte keinen Bauch haben.

Das Hüftkettchen markierte den Anfang des Fitness-Wahnsinns, der bis heute anhält. Denn sie betont nicht Kleidung, sondern Entblößung: die Stelle über dem Hosenbund, wo sich möglichst nichts wölben und nichts knittern darf, wo nur straffe Haut und Muskeln zu sehen sein sollen. Seit der Jahrtausendwende bezieht sich die Mode immer mehr auf den entsprechend zu gestaltenden Körper. Es hilft nicht mehr, etwas anzuziehen, was modisch ist, man muss den Trend buchstäblich verkörpern. Fitness ist heute von Fashion nicht mehr zu trennen. Und Kleidung ist nichts mehr, das kleine Mängel gütig verbirgt, kaschiert oder in Form zwängt, sondern gnadenlos ausstellt.

Hüfthose und Hüftkettchen wurden irgendwann so populär, dass sie gewöhnlich wirkten. Dann rutschte der Hosenbund wieder nach oben, und man betonte eher die Beine als die Bäuche. Nun kommen die Hüfthosen wieder und mit ihnen die Kettengürtel. Und man fragt sich, warum in den Zeiten fortschreitender Emanzipation die Mode Trends setzt, die vor allem Stress bedeuten.

Vielleicht sollte man sich auf die historischen Wurzeln des Bauchkettchens berufen. Zum Beispiel das Aranjam. Das ist ein Gold- oder Silberkettchen, das Babys und Kleinkinder vor allem in Südindien um die Taille tragen. Die Kinder bekommen es 28 Tage nach der Geburt angelegt – dann, wenn sie ihren hinduistischen Namen erhalten. Das Kettchen ist ein Schutz vor bösen Geistern. Es hat aber auch eine weitere Bedeutung, es wird nämlich genutzt, um den Bauchumfang des Kindes zu messen. Wird das Kettchen knapper, gilt das als Indiz einer guten Entwicklung des Kindes.

Vielleicht wäre das ein gutes Motiv, um heute ein Hüftkettchen zu tragen: knapp über dem Bauchnabel spannend, um zu zeigen, dass man gut gegessen hat. Auch Jungs tragen in Indien übrigens der Tradition entsprechend solche Kettchen.

Peter Langer / In Reih und Glied: Kettengürtel von Maison Margiela

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich liebe, schon immer, flache durchtrainierte Bäuche und Hosen mit tiefem Bund genauso wie dazu passende bauchfreie Tops...

Wenn jetzt noch ein schickes Kettchen dazu kommt, warum nicht?

Am besten an der ganzen Geschichte ist zudem, dass man mit den Damen, die derartiges tragen können, nicht nur wunderbar zusammen (Matratzen-)Sport machen kann, sondern anschließend auch nach Herzenslust allen erdenklichen lukullischen Genüssen fröhnen darf - es wird ja eh wieder verbrannt. Die bösen Blicke einiger Sich-Zu-Kurz-Gekommen-Fühlender nerven zwar, aber denen muss man sich ja nicht zwangsläufig aussetzen.

Klasse!