© Paul Paetzel

Fahrradfahren Freie Fahrt

Eine Reise mit dem Rad durch Europa: Was geschieht in Paris, Essen und in Nimwegen, damit das Fahrradfahren endlich Spaß macht? Und retten sich die Städte so am Ende sogar selbst? Von
ZEITmagazin Nr. 27/2018

Am besten gleich aufsteigen und losfahren, das ist ja das Tolle am Radfahren in der Stadt: keine Planung, keine Vorbereitung – nicht einmal Tanken. Zum Bäcker, zur Post, zum Supermarkt ist es das schnellste Verkehrsmittel. Und wir haben es doch alle eilig.

Mit vollen Tüten am Lenker zurück nach Hause, das mögen Sie nicht, weil das so schlenkert? Na, dann fehlt Ihnen wohl ein Korb, hinten oder vorne, hat jeder Fahrradhändler. Bitte machen Sie das Rad nicht verantwortlich dafür, dass Sie sich nie mit seinen Möglichkeiten beschäftigen! Ich nehme mein Rad sogar mit in den Fahrstuhl, hebe oben in der Wohnung den Einkaufskorb ab: Bequemer geht es kaum, mit dem Auto jedenfalls nicht.

Und das Rad an sich, wenn man kein billiges nimmt, ist so gut wie noch nie. Gutes Licht, gute Bremsen, gute Reifen, gute Schaltung ... Leider gilt das nicht für die Stadt, durch die das Rad rollt. Um mit Hamburg anzufangen: Hier wird das Radfahren bestimmt von Wortgeklingel und Symbolpolitik.

Vor meiner Haustür führt eine vollmundig "Veloroute" genannte Strecke vorbei. Hervorragend ausgeschildert, denn bei Schildern ist Hamburg ganz vorn, was man auch an den Dieselfahrverbotsschildern sieht, die neuerdings an zwei Hauptverkehrsstraßen stehen wegen der schlechten Luft. (Die ausgesperrten Autos fahren dann durch andere Straßen.)

Meine Veloroute, sieben Kilometer bis zum Pressehaus der ZEIT, benutze ich nie, denn sie ist eine Zumutung. Ihr Belag wechselt alle 50 Meter, vom holprigen Kopfsteinpflaster bis zu jenen rötlichen Platten, die hier überall auf den Radwegen liegen. Vor Jahren habe ich mal nachgefragt, warum man diese hubbeligen Platten nimmt, da hieß es, die ließen das Wasser durch, gut fürs Straßengrün.

Das ist ein Argument in einer Stadt, in der es nie regnet. Aber diese Haltung gibt es nicht nur in Hamburg: Wenn man schon Geld für Radfahrer ausgibt, muss es immer noch für etwas anderes gut sein. Indem ich fahre, gieße ich die Pflanzen. Ich will aber kein rollender Gärtner sein, ich will bequem und störungsfrei von A nach B.

Fußgängern mutet man kein Kopfsteinpflaster zu, die Damen könnten in ihren Stöckelschuhen umknicken. Autofahrern salzt man bei Frost die Trasse: Da schert der Pflanzenschutz niemanden.

Hamburg wirbt jetzt fürs Radfahren. Mir wär’s lieber, sie kümmerten sich um die Infrastruktur. Es fehlt ja nicht an Radfahrern, es fehlt an Wegen. Bessere Wege, dann kommen die Radfahrer von allein.

Das allerdings kostet Geld, deshalb beschränkt man sich auf Pflastermalerei: Überall in der Stadt werden Fahrradsymbole auf die mehrspurigen Straßen gepinselt. Sie sollen mich dazu verführen, zwischen Bussen und Lastkraftwagen auf die Kreuzung zu fahren. Will ich aber nicht. Und nicht nur ich nicht. Viele Radfahrer, die auf dem Gehweg fahren, tun das nicht, um Fußgänger zu ärgern, sondern aus Angst um ihr Leben. Wann wird man uns Radwege abseits des Schwerverkehrs bauen?

Bei mir um die Ecke wurde Anfang Mai eine 33-jährige Radfahrerin, Mutter zweier Kinder, von einem abbiegenden Lkw zu Tode gequetscht. Ob sie Vorfahrt hatte, ist ungeklärt. Der Fahrer hatte sie nicht gesehen. Hunderte von Radfahrern haben sich danach aus Protest auf Hamburger Kreuzungen gelegt. Um die im Autodenken gefangene Politik endlich wachzurütteln.

Als Reporter habe ich also einige Gründe, mir den städtischen Radverkehr in Deutschland und Europa genauer anzusehen. Am besten gleich aufsteigen und losfahren, aber halt – wie mache ich das in verschiedenen Städten? Kann ich mein eigenes Rad mitnehmen? Gewiss, es gibt Züge mit Radabteilen, aber die sind oft lange im Voraus ausgebucht. Ich könnte mir in jeder Stadt ein Rad leihen, Leihfahrräder sind große Mode, doch vielleicht sitze ich nicht gut drauf und ächze dann mit angewinkelten Beinen durch die Gegend... Ein Rad ist ja schon etwas sehr Persönliches, näher am Ich als das Auto.

Da fällt mir ein, dass der Händler, bei dem ich mir vor Jahren ein Rad anpassen ließ, mit Falträdern handelt. Brompton, ein englisches Fabrikat. Würde er mir zum Zwecke der Recherche eines leihen?

Michael Schäfer ist ein Enthusiast in den besten Jahren, der zwischen Schrauben und Muttern das große Ganze im Blick behält. The New Cyclist nennt er seinen Laden. Sein Credo: Das Fahrrad ist nichts Kompliziertes, und es soll Spaß machen.

Gilt das auch für ein Faltrad? Es wirkt filigran und winzig, aus ihm ragt die überlange Sattelstange wie ein Spargel – und ich messe gut zwei Meter. Die Räder haben den Durchmesser einer Langspielplatte. Aber das ulkige Ding fährt mit seiner Sechsgangschaltung schneller und komfortabler als gedacht. Um es zusammenzufalten, ist eine präzise Folge von Griffen nötig, die ich mir auf Anhieb kaum merken kann. Schäfer schickt mir zur Sicherheit ein Faltvideo per Mail, falls ich unterwegs nicht weiterweiß. "Ein Smartphone haben Sie ja wohl?" Brauche ich auch ein Schloss? "Wozu? Sie haben das Rad ja immer dabei."

Ein Faltrad kann man überallhin mitnehmen, in den Zug, ins Flugzeug, ins Taxi. Sogar ins Restaurant: Man will es sich ja draußen nicht klauen lassen. Ich fahre also los im ICE – und steige um in den TGV.

Kommentare

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Das Bild passt zur Überschrift wie die Faust aufs Auge. Launischer Text, der das Geld nicht wert ist, das er kostet. Gespickt mit Binsenweisheiten (natürlich ist Fahrradautobahn Quatsch). Stauzeit kostet Geld. Bei Unfällen müsste eigentlich der Verursacher zahlen. 1000 Mannstunden sind mindestens 8500 Euro. Und Fehlern: Die Tröpfchen explodieren in meiner Lunge. So ein Quatsch. Und das Lenkrad 10 cm am Auto vorbei ist mitnichten mutig sondern lebensgefährlich, auf jeden Fall nicht empfehlenswert und auch nicht berichtenswert, sondern zu verabscheuen. Nur des Überlebens willen.