Harald Martenstein Über gesundheitsgefährdende Dokumente

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 27/2018

Während ich dies schreibe, warten in Berlin-Mitte etwa 150 Eltern auf den Einschulungsbescheid für ihre Kinder. Der Bescheid kommt nicht, weil die Akten im Schulamt verschimmelt sind und es gesundheitsgefährdend ist, die Akten zu lesen. Spezialisten in Schutzanzügen sind in das Schulamt hineingegangen, um die verschimmelten Dokumente zu retten, falls dies noch möglich ist.

Die Akten lagerten in einem Keller, in den seit einiger Zeit Wasser hineinläuft. "Das hat man lange nicht mitbekommen", sagt der Stadtrat. Weil in Berlin Hunderte Lehrer fehlen und die Schulbehörde bereits unter der Devise "Unterrichten statt Kellnern" Studierende als Hilfslehrer einstellt, sogar für Gymnasien, ist eine leichte Senkung der Schülerzahl vielleicht sogar willkommen. Der frühere Bürgermeister Walter Momper sagt zur Schulkrise: "Wir müssen alle Kräfte mobilisieren." Der Senat spricht auch von der "Schuloffensive", die trotz verzweifelter Lage an allen Fronten siegreich enden werde. Historisch Gebildete denken da sofort an die Ardennenoffensive.

In einer Spandauer Grundschule war vor einiger Zeit die Decke des Foyers in das Foyer gestürzt, und zwar flächendeckend. Dies geschah erfreulicherweise während der Ferien. Auch beim Einsturz einer Frohnauer Grundschule war zufällig Sonntag. Irgendwo im Himmel sitzt jemand, der es gut meint mit Berliner Kindern, womöglich Astrid Lindgren. Die Carl-Kraemer-Grundschule im Wedding wurde wegen Einsturzgefahr in Kombination mit Schimmelbefall fluchtartig geräumt. Eltern fanden in den Schulranzen ein Behördenschreiben, aus dem hervorging, dass die Schule bis auf Weiteres geschlossen ist und die Kinder anderswohin müssen. Man verlässt sich also in Berlin bei Einsturzgefahr nicht grundsätzlich auf die Hilfe höherer Mächte. Es gibt sogar ein Sanierungsprogramm, vorrangig sollen einige Dutzend "Großschadensfälle" saniert werden. Um eine Vorstellung vom Zeitplan zu kriegen: Die John F. Kennedy-Schule soll im Jahre 2027 wieder Normalniveau erreichen.

Bauliche Maßnahmen werden allerdings dadurch erschwert, dass auch das Berliner Bauaktenarchiv von Schimmel befallen und bis auf Weiteres geschlossen ist. Gleiches gilt für das Archiv des Rathauses Tiergarten und, besonders bedauerlich, das Haus der Gesundheit. Wer nachprüfen möchte, wie diese Zustände juristisch zu bewerten sind, sollte berücksichtigen, dass auch die rechtshistorische Sammlung der Humboldt-Universität von Schimmel befallen ist, 60.000 Werke. Der Missstand war, laut Legal Tribune Online, seit 1995 bekannt. Ein Teil der Bücher wurde verbrannt. Seit Längerem hatte es in Berlin keine große Bücherverbrennung mehr gegeben.

Mein Sohn wird in zwei Jahren eingeschult, in Berlin. Eine Freundin, beinharte Rationalistin, will ihre Tochter aus Mutterliebe an einer Waldorfschule unterbringen. Diese Schulen gelten als sicher, sauber und haben Lehrer. Jeder will dahin. Sie musste zur Bewerbung eine ellenlange positive Stellungnahme zur Philosophie von Rudolf Steiner verfassen, dem Gründer dieser Schulen. Überall in Berlin hocken gerade Eltern, die mit Anthroposophie wenig am Hut haben, an Elogen auf Rudolf Steiner. "Es ist ein Meisterwerk geworden", sagt die Freundin. "Mir sind beim Schreiben fast die Tränen gekommen, ich habe zum Schluss echt selbst dran geglaubt." Vielleicht bringt sie das sogar als Buch heraus, dann ist der Platz sicher.

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Herrlich, Harald Martenstein. Sie haben mir wieder mal eine Arbeitspause versüßt. Als Hamburger läuft mir der Artikel wie warmes Olivenöl runter. Zwar ist auch in der Hansestadt nicht alles Gold, was glänzt. Auch empfinde ich die Selbsteinschätzung vieler Mitbewohner, es handele sich um die schönste Stadt Deutschlands, wenn nicht des ganzen Universums als ziemlich borniert und albern. Aber eines kann ich als Berufsbetreuer, der es ständig mit den hiesigen Behörden zu tun hat, sagen: Meine Berliner Kollegin tut mir aufrichtig leid.Ich finde verarmte "failed states", zu denen die Hauptstadt wohl gezählt werden muss, alles andere als sexy.